— Ach, was du nicht sagst?! Ich soll also unsere Familie versorgen, während du in dieser Zeit dein gesamtes Gehalt für die Hypothek deiner Schwester ausgibst? Wirklich?!

— Der Salat ist lecker geworden. Diese neue Soße passt perfekt.

Artjom sprach mit vollem Mund, aber selbst das konnte sein selbstgefälliges Lächeln nicht verbergen.

Er war heute überhaupt zufrieden.

Mit sich selbst, mit dem Leben, mit dem Abendessen.

Marina lächelte nur leicht zurück, spießte mit der Gabel ein Blatt Rucola und ein Stück getrocknete Tomate auf.

Der Abend war ruhig, einer von diesen seltenen Abenden, an denen die Arbeit in den Hintergrund trat und man einfach zu zweit im warmen Licht ihrer kleinen, gemütlichen Küche sein konnte.

Draußen senkte sich die Dämmerung, und drinnen roch es nach Knoblauchbrot und Basilikum.

Eine Idylle, die durch Jahre des gemeinsamen Lebens abgestimmt war.

— Übrigens, Lenka hat ihren Job gekündigt, — warf Artjom wie nebenbei ein, während er den leeren Teller wegschob.

Marina nickte mitfühlend.

Die Schwester ihres Mannes, Lena, war ein kreativer Mensch, ständig auf der Suche und ebenso ständig ohne Ergebnis.

Ein Bürojob von neun bis sechs war für sie eine Qual, das wussten alle.

— Diese Routine hat sie völlig fertiggemacht.

Sie sagt, sie sei seelisch erschöpft, völlig ausgebrannt.

Keine Inspiration mehr.

— Die Arme.

Das ist schwer, wenn es so weit kommt, — sagte Marina aufrichtig.

Sie empfand wirklich Mitgefühl.

Jeder Mensch wollte wenigstens einmal im Leben alles hinschmeißen und von vorn anfangen.

— Genau das denke ich auch, — belebte sich Artjom, als er ihre Unterstützung spürte.

Er rückte näher heran, seine Stimme bekam verschwörerische, aber zugleich feierliche Töne.

— Ich habe beschlossen, ihr zu helfen.

— Richtig.

Vielleicht sollten wir ihr ein bisschen Geld zustecken für den Anfang?

Damit sie in Ruhe das suchen kann, was ihr gefällt, — schlug Marina vor und überlegte bereits im Kopf, welche Summe sie schmerzlos aus dem Familienbudget abzweigen könnten.

Artjom schüttelte den Kopf, und auf seinem Gesicht erschien ein herablassendes Lächeln, als hätte sie etwas Unbedeutendes vorgeschlagen, das seines edlen Impulses nicht würdig war.

— Nein, Marin, das sind alles halbe Sachen.

Ich habe das Problem radikal gelöst.

Solange sie sich selbst sucht, werde ich ihre Hypothek bezahlen, und sie wird in dieser Zeit das tun, was sie liebt.

Marina erstarrte.

Die Gabel mit der Garnele blieb auf halbem Weg zum Mund stehen.

Sie verstand nicht ganz, was er gesagt hatte.

Die Worte waren zwar russisch und ihr bekannt, aber in diesem Satz zusammengefügt, ergaben sie überhaupt keinen Sinn.

— Wie meinst du… helfen?

Du leihst ihr für eine Rate? — präzisierte sie und senkte die Gabel langsam auf den Teller.

Das Geräusch von Metall auf Porzellan klang ohrenbetäubend.

— Nein.

Warum leihen?

Ich werde ihr einfach mein Gehalt geben.

Alles, — erklärte er mit entwaffnender Einfachheit und sah sie an, als würde er einen genialen und offensichtlichen Plan mit ihr teilen.

— Na und?

Wir leben ja vorerst von deinem.

Du hast doch gerade eine gute Prämie fürs Quartal bekommen.

Alles passt.

Die Luft in der Küche war plötzlich nicht mehr warm und gemütlich.

Sie wurde dicht, schwer, schwer zu atmen.

Marina stellte langsam und mit einer gewissen entrückten Vorsicht ihren Teller neben seinen leeren Teller.

Ihre Ruhe war unnatürlich, wie die Stille vor einem Hurrikan.

Sie sah ihren Mann an, aber vor sich sah sie nicht den vertrauten Menschen, sondern einen Fremden, einen verrückten Fantasten, der ihr gerade vorgeschlagen hatte, sich selbst ins Bein zu schießen, damit er seiner Schwester die Krücken geben konnte.

Artjom spürte diesen Wandel und runzelte die Stirn.

Er hatte Bewunderung für seine Großzügigkeit erwartet, nicht diesen kalten, prüfenden Blick.

— Warum schaust du so?

Es ist doch Lena, meine Schwester.

Ein naher Mensch in Not.

Familie sollte eine Stütze sein.

Habe ich nicht recht?

Er sprach richtige Worte, die in jeder anderen Situation edel geklungen hätten.

Aber jetzt waren sie nur ein Deckmantel für eine Tat von unglaublicher Dreistigkeit.

Er half seiner Schwester nicht einfach nur.

Er legte die Verantwortung für ihr Leben, ihre Hypothek, ihr infantiles „Ausgebranntsein“ auf die Schultern seiner Frau.

Er nahm ihre Prämie, ihre Arbeit, ihre Müdigkeit und opferte all das ungefragt dem Altar der Launen seiner Schwester.

Marina beugte sich leicht vor und stützte die Hände auf den Tisch.

Ihre Stimme, als sie zu sprechen begann, war tief und völlig emotionslos.

Aber gerade diese Leblosigkeit schnitt ins Ohr.

— Ach, was du nicht sagst?!

Ich soll also unsere Familie versorgen, während du in dieser Zeit dein gesamtes Gehalt für die Hypothek deiner Schwester ausgibst?

Im Ernst?!

Die Frage klang wie ein Peitschenhieb.

Keine Hysterie, nur konzentrierte, eisige Wut.

Artjom zuckte zusammen.

— Hör auf!

Das ist kein „Ausgeben“, das ist Hilfe!

Man kann doch nicht so sein…

— Großartig, — unterbrach sie ihn, ohne ihn ausreden zu lassen.

Auf ihren Lippen erschien ein seltsames, böses Lächeln.

Sie richtete sich auf, und ihr Blick wurde klar und hart.

— Ich habe alles verstanden.

Dein Plan ist großartig.

Dann suche auch ich ab morgen nach mir selbst.

Mich hat meine Arbeit irgendwie auch erschöpft.

Such dir einen dritten Job, Genie.

Um mich, dich und die Mitesserin Lena zu ernähren.

Am Morgen wachte Artjom mit dem Gefühl auf, dass das alles nur ein böser Traum gewesen war.

Marinas gestriger Ausbruch erschien ihm lächerlich, eine weibliche Laune, eine Reaktion auf Müdigkeit.

Jetzt, im Licht des neuen Tages, würde sie sich bestimmt besinnen, die Absurdität ihrer Worte einsehen.

Er war bereit, ihr großzügig zu verzeihen und vielleicht sogar irgendeine symbolische Hilfe für die Schwester zu besprechen, um das Gesicht zu wahren.

Er trat aus dem Schlafzimmer, voller Vorfreude auf den Geruch von Kaffee und die gewohnte morgendliche Geschäftigkeit.

Doch die Küche empfing ihn mit Stille.

Marina saß am Tisch in einem Seidenmorgenmantel, den er höchstens ein oder zwei Mal an ihr gesehen hatte, und las mit voller Konzentration ein dickes Buch in teurem Einband.

Daneben stand ein Weinglas und eine geöffnete Flasche eines kompliziert aussehenden Chianti.

Auf dem Herd war es leer.

— Guten Morgen, — begann er vorsichtig. — Und wo ist das Frühstück?

Marina löste sich vom Lesen, sah ihn an, als wäre er ein Kellner, der ihre Bestellung vergessen hatte, und lächelte höflich.

— Guten Morgen, Liebling. Frühstück? Keine Ahnung. Heute beschäftige ich mich nicht mit solchen bodenständigen Dingen. Ich habe meine erste Unterrichtsstunde. Theorieteil.

Sie klopfte mit dem Fingernagel auf den Buchdeckel. „Enzyklopädie des Weins. Von der Rebe bis ins Glas“.

Artjom starrte verständnislos auf die Flasche.

— Du trinkst Wein… um neun Uhr morgens?

— Ich trinke nicht, ich verkoste, — verbesserte sie ihn mit dem Gesichtsausdruck einer Kennerin.

— Ich versuche, die Noten von Leder und Tabak im Nachgeschmack wahrzunehmen. Sehr faszinierend. Das ist Teil meiner Suche. Ich habe beschlossen, Sommelière zu werden.

Sie sagte es so, als würde sie den Kauf eines neuen Joghurts verkünden.

Artjom stand mitten in der Küche, und seine Welt, die noch gestern so verständlich und geordnet gewesen war, begann Risse zu bekommen.

Er hatte mit allem gerechnet: stillem Boykott, Tränen, einem Skandal.

Aber nicht mit diesem ruhigen Wahnsinn.

Am Nachmittag wurde es schlimmer.

Als Artjom, der hastig von gestrigem Brot gefrühstückt hatte, zur Mittagspause von der Arbeit zurückkam, erkannte er das Wohnzimmer nicht wieder.

Mitten im Raum, der teure Parkettboden war mit Folie abgedeckt, stand eine riesige Staffelei aus Holz.

Daneben stapelten sich Leinwände, Kisten mit Ölfarben, deren Geruch sich mit dem Aroma von Terpentin mischte, und ein Stapel Bücher über Impressionismus.

Marina, umgezogen in ein altes Hemd ihres Mannes, bespritzt mit blauer Farbe, trug mit inspiriertem Blick chaotische Striche auf die Leinwand auf.

— Was… ist das? — war alles, was er herausbringen konnte, während er das Schlachtfeld musterte, in das sich ihr Wohnzimmer verwandelt hatte.

— Das ist mein kreativer Impuls, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen. — Ich habe verstanden, dass Sommelière zu werden zu eng für meine Natur ist.

Ich muss meine Emotionen auf die Leinwand ausschütten. Findest du, dass es wie Munchs „Der Schrei“ aussieht, nur in einer optimistischeren Farbpalette?

Sie trat von der Staffelei zurück und betrachtete kritisch ihr Gekritzel.

Artjom sah auf die verdorbene Leinwand, auf die Farbtuben, deren Preis seiner Meinung nach dem einer Wocheneinkauf entsprach, und spürte, wie in ihm dumpfe Gereiztheit aufstieg.

— Marina, können wir ernsthaft reden?

— Natürlich, — stimmte sie leicht zu und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. — Nur ein bisschen später.

In einer Stunde kommt Rodrigo. Wir haben unsere erste Unterrichtsstunde im argentinischen Tango.

Ich habe beschlossen, dass Malerei mit Körperplastik kombiniert werden muss. Das hilft, sich zu befreien.

Rodrigo.

Der Name klang wie eine Ohrfeige.

Er stellte sich irgendeinen schmierigen Lateinamerikaner vor, der seine Frau mitten in ihrem Wohnzimmer zu leidenschaftlicher Musik herumwirbeln würde.

Seine Frau, von seinem Geld, in seinem Haus.

— Machst du dich über mich lustig? — seine Stimme brach.

Marina sah ihm endlich direkt in die Augen.

Ihr Blick war absolut ernst.

— Kein bisschen. Ich suche mich selbst, Artjom. Wolltest du nicht genau das?

Dass ein nahestehender Mensch, ohne an Haushalt und Geld zu denken, sich der Suche nach seinem wahren Weg und seiner Bestimmung widmen kann?

Du selbst hast diesen Trend in unserer Familie gesetzt.

Ich folge nur deinem Beispiel. Du wirst mir doch nicht im Weg stehen? Das wäre egoistisch von dir.

Es verging eine Woche.

Eine Woche, in der sich ihre Wohnung aus einem gemütlichen Nest in eine Mischung aus Boheme-Treffpunkt und Schlachtfeld verwandelt hatte.

Der Geruch von Terpentin und Ölfarben hatte sich in die Tapeten, die Möbel und, so schien es, in Artjoms eigene Haut gefressen.

Das Wohnzimmer erinnerte nun an das Atelier eines verrückten Künstlers:

In der Mitte, wie eine Statue, ragte die Staffelei mit dem begonnenen, aber bereits offensichtlich gescheiterten Gemälde auf, auf dem das Durcheinander aus violetten und gelben Flecken nach Vorstellung der Autorin die „Suche nach Harmonie im Chaos“ symbolisieren sollte.

Überall lagen Farbtuben, beschmierte Lappen und teure Pinsel aus Eichhörnchenhaar verstreut.

Artjom stolperte jeden Tag über Stapel von Büchern über Kunst und Choreografie.

Er hörte auf, normal zu essen, und lebte von Instantnudeln und belegten Broten, weil die Küche für Marina ausschließlich ein Ort für „Verkostungen“ und „inspirierende Gespräche mit Rodrigo per Videochat“ geworden war.

Sein Bankkonto schmolz vor seinen Augen dahin.

Benachrichtigungen über Abbuchungen kamen mit erschreckender Regelmäßigkeit: „Sommelierkurse.

Fortgeschrittenes Level“, „Künstlerbedarf ‘Art-Quartal’“, „Einzelunterricht. Rodrigo Esteban“.

Die letzte Abbuchung war die schmerzhafteste.

Er stellte sich diesen Rodrigo vor — muskulös, mit verträumtem Blick — und spürte, wie sich seine eigene Großzügigkeit gegenüber der Schwester gegen ihn selbst auf die demütigendste Weise wandte.

Die Telefonanrufe von Lena wurden zum täglichen Ritual.

Ihre Stimme, anfangs voller Dankbarkeit und Erzählungen über „spirituelles Wachstum“, wurde von Tag zu Tag nervöser und fordernder.

Heute erreichte sie ihren Höhepunkt.

— Artjom, die Rate ist in drei Tagen fällig! Du hast es versprochen! Ich habe schon eine Benachrichtigung von der Bank bekommen! Wo ist das Geld?

— Lena, ich arbeite daran, — murmelte er, mitten im verwüsteten Wohnzimmer stehend. — Es gibt hier… kleine technische Schwierigkeiten.

— Welche Schwierigkeiten? Du hast doch gesagt, dass alles geregelt ist!

Du hast gesagt, dass Marina nichts dagegen hat! Artjom, man könnte mich rauswerfen! Soll ich wegen deiner Frau auf der Straße landen, weil sie beschlossen hat, egoistisch zu sein?

Ihre Panik übertrug sich auf ihn.

Er fühlte sich in die Enge getrieben.

Sein edler Plan zerbrach, und er selbst sah nicht wie ein Retter, sondern wie ein Idiot aus.

Die Verzweiflung brachte die letzte, wie er meinte, geniale Idee hervor.

— Komm her. Komm heute Abend, — sagte er fest. — Wir reden mit ihr zusammen. Wenn sie dich sieht, dich hört… sie kann nicht nein sagen. Sie muss es verstehen.

Am Abend klingelte es an der Tür.

Artjom stürzte los, als würde er auf Verstärkung warten.

Auf der Schwelle stand Lena.

Sie war eine wahre Schauspielerin des tragischen Genres.

Sie trug einen formlosen grauen Pullover, die Haare zu einem unordentlichen Knoten gebunden, und ihr ungeschminktes Gesicht wirkte blass und erschöpft.

Sie stellte das Opfer der Umstände so meisterhaft dar, dass Artjom selbst für einen Moment von grenzenlosem Mitleid durchdrungen wurde.

Sie tauschten Blicke voller Entschlossenheit und gemeinsamer Sache.

Das war ihr Kampf.

Sie traten ins Wohnzimmer ein.

Marina, die keinerlei Notiz von ihnen nahm, stand mit dem Rücken zu ihnen an der Staffelei.

Sie trug ihr „Arbeitshemd“, voller Farbflecken, und mischte mit vollster Konzentration Smaragdgrün und Weiß auf der Palette.

In ihren Bewegungen lag weder Hektik noch Nervosität.

Sie war in ihrer eigenen Welt.

— Marina, — begann Artjom, seine Stimme bebte vor gerechtem Zorn. — Sieh her. Sieh, wer gekommen ist. Das ist Lena. Meine Schwester, deren Leben du ruinierst.

Lena trat einen Schritt vor, stellte sich in die Mitte des Zimmers.

Sie ließ den Blick über das kreative Chaos schweifen, und in ihrem Gesicht spiegelten sich angewiderte Trauer und Abscheu.

— Marina, ich verstehe nicht… — ihre Stimme war leise, voller unterdrückten Leids. — Ich dachte, wir sind eine Familie.

Ich habe dich immer gut behandelt. Kannst du dich wirklich nicht in meine Lage versetzen? Diese Arbeit hat mich umgebracht.

Ich war am Rande des Zusammenbruchs. Ich brauche nur ein wenig Zeit, um wieder zu mir zu kommen, meinen Weg zu finden.

Dein Mann, mein Bruder, will nur helfen. Ist dein Herz wirklich so aus Stein?

Artjom griff ihre Worte sofort auf, und sie sprachen im Chor, bauten eine dichte Wand der Vorwürfe.

— Wir müssen uns gegenseitig unterstützen! Das ist doch selbstverständlich!

— Du hast einen riesigen Bonus bekommen, für dich sind das Peanuts! Aber für mich — ein Dach über dem Kopf!

— Was ist nur aus dir geworden? Woher kommt diese Grausamkeit? Du warst immer anders!

— Du verschwendest unser Geld für diese Schmiererei und irgendwelche dahergelaufenen Tänzer, während ein naher Mensch in Not ist!

Sie bedrängten sie, ihre Stimmen wurden immer lauter, die Worte immer giftiger.

Sie erwarteten eine Reaktion: Schreie, Tränen, Flehen um Vergebung.

Irgendetwas, das zeigte, dass ihre Worte ihr Ziel erreichten.

Doch Marina schwieg.

Sie drehte sich nicht um.

Sie nahm einen sauberen Pinsel, tauchte ihn in die gemischte Farbe und zog einen langen, sicheren Strich auf die Leinwand.

Diese ruhige, schöpferische Geste wirkte vor dem Hintergrund ihrer Hysterie wie die höchste Form der Verachtung.

Sie waren erschöpft.

Die Worte waren aufgebraucht.

In der Stille, die vom Geruch der Farbe durchtränkt war, war nur ein Geräusch zu hören — das leise, gleichmäßige Rascheln des Pinsels auf der Leinwand.

Artjom und Lena standen mitten im Wohnzimmer, verwirrt und entleert.

Sie hatten ihr gesamtes Arsenal abgefeuert, aber ins Leere getroffen.

Und sie, ohne ihnen auch nur einen Blick zu schenken, schuf weiter.

In diesem Moment begriff Artjom mit Schrecken, dass sie nicht spielte.

Sie hatte sich wirklich gefunden.

Und dieses neue „Ich“ war ihm fremd und furchteinflößend.

Die Stille, die nach ihrem doppelten Anklagemonolog folgte, war nicht leer, sondern zähflüssig, getränkt vom Geruch von Terpentin und unerfüllten Erwartungen.

Artjom und Lena standen da, schwer atmend, wie Läufer nach dem Ziel, und starrten auf Marinas reglosen Rücken.

Ihr Arsenal war leer, alle Worte waren verschossen, und das Ziel war unversehrt geblieben.

Es war demütigend.

Es schien, als würde sie sie einfach ignorieren, aber Artjom, der sie seit vielen Jahren kannte, spürte — sie nahm jedes Wort auf, wog es ab, prüfte es und bereitete ihre Antwort vor.

Schließlich legte sie langsam, mit einer fast rituellen Präzision, die Palette auf den Tisch.

Dann nahm sie ein Tuch und begann methodisch, eine Bewegung nach der anderen, den Pinsel abzuwischen.

Nicht von der Farbe — von ihnen.

Von ihren Worten, ihrer Anwesenheit, ihrem ganzen Wesen.

Als der Pinsel vollkommen sauber war, legte sie ihn neben die Palette und drehte sich erst dann um.

In ihrem Gesicht lag weder Zorn noch Groll.

Nur ruhige, fast wissenschaftliche Neugier, wie bei einem Entomologen, der unter dem Mikroskop zwei besonders hässliche Käfer betrachtet.

— Ich bin fertig, — sagte sie.

Ihre Stimme war gleichmäßig und kalt wie Glas.

Sie sah zuerst Lena an.

— Dein „Sich-selbst-Finden“ ist keine Berufungssuche, Lena.

Es ist ein Casting.

Ein Casting für die Rolle einer Unterhaltenen.

Du suchst dein Leben lang nicht nach einer Berufung, sondern nach einem stärkeren Hals, an den du dich hängen kannst.

Deine „moralische Erschöpfung“ fällt immer so wunderbar mit dem Zeitpunkt zusammen, wenn Rechnungen bezahlt werden müssen.

Früher war es Mama, jetzt hast du beschlossen, dass mein Mann diese Rolle perfekt übernehmen kann.

Dein Leiden ist einfach eine Ware, die du versuchst, möglichst teuer zu verkaufen.

Aber ich kaufe nicht.

Lena öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Marina richtete ihren unerbittlichen Blick auf Artjom, und Lena schloss ihn sofort, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Jetzt sprach sie nur noch zu ihm.

— Und du… Du, mein lieber Mann.

Du bist kein Retter.

Du bist kein edler Ritter.

Du bist einfach ein ewiger Sohn.

Ein professioneller Bruder.

Du hast es nie geschafft, die Nabelschnur zu durchtrennen, die dich mit deiner ersten Familie verbindet.

Du hast mich nicht geheiratet, um eine neue, eigene Familie zu gründen.

Du hast einfach die alte erweitert, indem du ein bequemes Funktionselement hinzugefügt hast.

Mich.

Ich war dein bester Erwerb: eigenständig, arbeitend, ohne große Ansprüche, gemütlich und mit leckerem Salat.

Ich war der ideale Hintergrund für dein Leben, auf dem du weiter deine Lieblingsrolle spielen konntest — die Rolle des braven Sohnes für Mama und Schwester.

Sie machte einen Schritt nach vorn.

Ihr Wohnzimmer, ihr gemeinsames Territorium, wurde plötzlich zu ihrer Bühne, und sie — zu mitleiderregenden Zuschauern.

— Du dachtest, ich falle auf dieses billige Drama herein? „Ein naher Mensch in Not“?

Du hast beschlossen, nicht deinen Komfort zu opfern, sondern meinen.

Du hast meinen Bonus genommen, meine Arbeit, meine Nerven und, ohne überhaupt zu fragen, beschlossen, das alles ihr zu geben.

Weil dir ihre Zustimmung immer noch wichtiger ist als mein Respekt.

Du hast nicht die Familie gerettet, Artjom.

Du hast dein Selbstwertgefühl gerettet.

Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen: Staffelei, Farben, Bücher.

Auf ihren Lippen erschien ein schwaches, bitteres Lächeln.

— Ihr dachtet, ich drehe hier durch vor lauter Luxus?

Nein.

Ich habe mich wirklich gesucht.

Und ich habe mich gefunden.

Ich habe eine Frau gefunden, die zehn Jahre lang in die Beziehung investiert, den Haushalt aufgebaut und geglaubt hat, dass sie einen Partner hat.

Und es stellte sich heraus, dass sie nur eine bequeme Mitbewohnerin für einen Mann war, der nie erwachsen geworden ist.

Meine Suche ist beendet.

Sie sah beiden erneut in die Augen, und in ihrem Blick war nichts mehr außer der kalten Feststellung einer Tatsache.

— Du bist wirklich egoistisch! Kleingeistig, geizig und egoistisch! — rief da die Schwester des Mannes. — Du solltest als gute Ehefrau die Familie versorgen, nicht nur eure, sondern die ganze, mich eingeschlossen!

— Ach, wirklich?! — wiederholte sie ihre gestrige Frage, doch nun klang sie nicht wie Empörung, sondern wie ein Urteil. — Ich soll also eure Familie versorgen?

Nein.

Ab sofort nicht mehr.

Von diesem Moment an seid ihr für mich fremde Menschen.

Zwei Verwandte, die durch irgendeinen absurden Zufall in meiner Wohnung leben.

Lenas Hypothek werdet ihr selbst bezahlen.

Sucht euch einen dritten Job, verkauft ihre Wohnung, nehmt Kredite — entscheidet selbst.

Das ist euer Familienproblem.

Mich betrifft es nicht mehr.

Artjom starrte sie an, und sein Gesicht wandelte sich von verwirrt zu hochrot.

Die Maske der Edelmut fiel und entblößte sein wütendes, gekränktes Inneres.

— Du kannst das nicht tun! Das ist unser gemeinsames Zuhause!

— Nein, — schnitt Marina ihm das Wort ab. — Das sind nur Wände.

Ein Zuhause gibt es nicht mehr.

Du hast es gestern beim Abendessen zerstört.

Und jetzt, wenn ihr mich entschuldigt, muss ich mein Bild fertigstellen.

Sie drehte sich um und nahm, ohne sie anzusehen, wieder den Pinsel in die Hand.

Diese Geste war endgültig und unwiderruflich.

Sie warf sie nicht hinaus.

Sie strich sie einfach aus ihrem Leben, ließ sie in den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen zappeln.

Lena schrie ihr etwas über Herzlosigkeit hinterher, Artjom knurrte vor ohnmächtiger Wut, doch für Marina verschwammen ihre Stimmen bereits zu einem unverständlichen Hintergrundrauschen.

Sie sah auf ihre Leinwand.

Ein Chaos aus violetten und gelben Strichen.

Und genau in der Mitte begann sie, einen einzigen, vollkommen geraden, ruhigen grünen Stiel zu ziehen…