Nachdem sie eine frische Grabstätte разрыли und den Deckel des Sarges angehoben hatten, erstarrten die Gefangenen in wortlosem Entsetzen. Das, was ihren Blicken erschien, teilte ihr Leben unwiderruflich in ein «Davor» und ein «Danach».

Ein eisiger Herbstwind pfiff durch die künstlichen Kränze, ließ die Trauerbänder flattern wie verlorene Seelen, die keinen Frieden fanden.

An diesem Tag war es bereits die fünfte Beerdigungsprozession, die sich über die Hauptallee des alten Friedhofs bewegte.

Der fünfte Sarg, der in den kalten, abweisenden Schoß der Erde hinabgelassen wurde.

Die fünfte Seele, die von der Welt offiziell dem Vergessen übergeben war.

Juri und Boris saßen in einem halb zerfallenen Pavillon aus Backstein, wo sie Schutz vor den unerbittlichen Böen suchten.

Ihre an ständige Vorsicht gewöhnte Blicke folgten träge dem Ablauf der Zeremonie.

Das Ritual der Trauer war für sie nicht mehr als ein Hintergrund, ein alltäglicher Vorgang.

Sie erhoben sich, klopften den Staub von ihren abgetragenen Hosen und setzten ernste Masken auf, die zur Situation passten, während sie sich der Gruppe weinender Menschen näherten.

Sie gingen von einem zum anderen, murmelten leise unverständliche Worte des Mitgefühls und schüttelten kalte Hände.

Niemand beachtete diese beiden unscheinbaren Männer in abgetragenen Jacken.

Das Leid — der große Gleichmacher — löschte soziale Unterschiede aus.

In solchen Momenten erscheint jede Teilnahme, selbst die von Fremden, wie ein Tropfen Wärme im eisigen Meer des Verlustes.

Niemand fragte sie, wer sie waren, und niemand hinderte sie daran, Abschied zu nehmen.

Dieses allgemeine Erstarren vor dem Schmerz war für sie ein willkommener Vorteil.

Gerade die letzte Prozession des Tages erregte ihre besondere Aufmerksamkeit.

Alles an ihr schrie nach Wohlstand.

Ein edler Sarg aus poliertem dunklem Holz mit massiven bronzenen Griffen, prachtvolle Kränze aus echten Blumen, die einen süß-betäubenden Duft verströmten, und die Autos am Eingang — nicht klapprige Ladas, sondern ausländische Wagen mit getönten Scheiben.

Zuerst trat Juri vor.

Er blickte in den Sarg, und ein Zucken huschte über sein Gesicht, das den Schmerz des Verlustes meisterhaft nachahmte.

Er bekreuzigte sich inbrünstig, seine Lippen flüsterten ein wohl einstudiertes Gebet, und er trat zurück, als ob er eine Träne aus seinem Auge wischen wollte.

Boris wiederholte den Akt nach einer kurzen Pause, noch ausdrucksstärker und mit einem tiefen, klagenden Seufzer.

Ihre Blicke trafen sich für einen Moment, und in den Mundwinkeln spielte ein kaum merkliches Lächeln.

Ohne ein Wort begaben sie sich zurück in ihren zerfallenen Unterschlupf.

Die heutige „Beute“ versprach, mehr als anständig zu werden.

Jetzt hieß es nur, die Nacht abzuwarten.

Beerdigt wurde, wie sie von einer geschwätzigen alten Frau aus dem Bestattungsteam erfuhren, eine gewisse Maria Olegowna.

Sie lag im Sarg in einem kostbaren Kleid aus Seidenvelours, und an ihren blassen Ohrläppchen funkelten schwere goldene Ohrringe mit tiefroten Steinen, vermutlich Rubinen.

Auf ihrer leblosen Brust sollte auch ein massives goldenes Kreuz verbleiben — wie es Tradition war, um den Verstorbenen nach allen Regeln zu verabschieden.

Als die grauen Dämmerstunden schließlich die letzten Farben des Tages verschluckt hatten und der Friedhof in lautlose Stille sank, die nur durch das Rascheln gefallener Blätter unterbrochen wurde, traten sie zur „Arbeit“ an.

Der Himmel hatte sich mit schweren Bleiwolken überzogen, und aus ihnen fiel ein kalter, unaufhörlicher Regen.

Nasser, schwerer Boden klebte an den Schaufeln und machte jeden Hieb zur Qual.

Ihre Hände wurden taub, die Rücken schmerzten, doch der Gedanke an die ersehnte Belohnung trieb sie weiter.

Dieses Vorhaben musste zu Ende gebracht werden.

Einen anderen Weg hatten sie nicht.

Ihre Bekanntschaft, dieser ironische Hohn des Schicksals, hatte Jahre zuvor hinter Gittern begonnen.

Zwei Einsamkeiten, zwei zerbrochene Lebensläufe.

Und die Gesellschaft, in die sie zurückkehrten, erwies sich als ebenso grausam wie die Gefängnismauern.

Juri war im Waisenhaus aufgewachsen, wo man ihm beigebracht hatte, nicht zu träumen, sondern zu überleben.

Boris hingegen war von seiner Familie verstoßen worden, nachdem sie von seiner Strafe erfahren hatte, und behandelte ihn wie einen Ausgestoßenen.

Draußen erwartete sie nur ein elendes Dasein ohne Rechte: kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit, keine Spur von einer zweiten Chance.

Im Grunde waren sie aus Dummheit dorthin geraten: Juri — wegen des Diebstahls einiger kümmerlicher Tausender aus der Fabrikkasse, wo er als Träger arbeitete, Boris — wegen einer Schlägerei im Suff, bei der sein Gegner einen Kieferbruch davontrug.

Niemand wollte ehemalige Sträflinge einstellen, Männer ohne Jugend, die Verzweiflung und Knast an sich trugen.

So schlugen sie den einfachsten und zugleich abscheulichsten Weg ein — die Grabschändung.

Sie redeten sich mit einer zynischen Formel schön:

„Der Tote braucht doch nichts mehr. Sein Besitz verfault sowieso in der Erde, so hat es wenigstens noch einen Nutzen, wir können uns satt essen.“

Dieser Gedanke betäubte den brennenden Scham.

Sie schlichen sich zwischen den Gräbern hindurch wie Schatten, und nachdem sie sich vergewissert hatten, dass weit und breit keine Seele zu sehen war, erreichten sie den frisch aufgeworfenen Hügel.

Die Schaufeln gruben sich in die noch weiche Erde.

Schließlich stieß das Holz des Sarges mit dumpfem Klang auf Eisen.

Sie warfen die Seile hinunter und rissen das schwere Brett auf.

Im selben Moment wichen sie entsetzt zurück, als eine eisige Welle von Angst ihre dreisten Gedanken hinwegfegte.

– Juri… siehst du das? Sie… sie atmet? – krächzte Boris, seine Stimme brach zu einem flüsternden Ton voller abergläubischen Schreckens.

Im schwachen Schein der Lampe schien es, als bewegte sich die Spitze der Spitze auf der Brust der alten Frau.

– Still! – fauchte Juri, der selbst unfähig war, den Blick von dem totenblassen Gesicht abzuwenden.

Und in diesem Augenblick geschah etwas, das ihnen das Blut gefrieren ließ.

Eine knochige, kalte Hand, mit hervortretenden blauen Adern, schoss aus dem Sarg und packte Boris’ Handgelenk mit einer Kraft, die kein Toter haben konnte.

Beide Männer, abgehärtet durch Gefängnisjahre und ohne Furcht vor Gott oder Teufel, schrien wie aus einem Mund und sprangen zurück.

– Lass los, Ungeheuer! – stammelte Juri, während er sich hektisch bekreuzigte.

– Halt den Mund! Siehst du nicht – sie lebt! Sie lebt, verstehst du?! – brüllte Boris, nun nicht mehr aus Angst, sondern aus Schock und plötzlicher Klarheit.

Den Schmuck der „Toten“ nahmen sie nicht an sich.

Stattdessen mussten sie die Frau selbst herausziehen – leicht wie ein Knochengerüst unter dünner Haut.

Sie fielen mitsamt ihr ins nasse Gras, halb lachend, halb weinend vor hysterischer Erleichterung.

Die Alte hustete, ihr Körper zuckte krampfartig, und sie öffnete trübe, doch lebendige Augen.

Ohne ein Wort nahmen die Männer sie auf die Arme und stolperten davon – weg von dem schaurigen Loch, hin zu der alten Hütte am Rand des Friedhofs.

Der Wächter war glücklicherweise nicht da.

Vielleicht war es sogar besser so.

Sie legten die Greisin auf das harte Bett und deckten sie mit ihrer schmutzigen Jacke zu.

– Wir müssen den Notarzt rufen… – brachte Juri hervor, noch immer unfähig zu glauben, was geschah.

Da erhob die alte Frau, die die Welt schon betrauert hatte, ihre Stimme – schwach, heiser, aber voller unerwarteter Festigkeit.

– Nein… keine Ärzte. Mich… hat jemand lebendig begraben. Ein ganz bestimmter Mensch. Und der muss… seine Strafe bekommen.

Langsam kehrte die Klarheit in ihre Augen zurück.

Plötzlich sah sie verwundert auf ihre Retter, auf deren schmutzige Kleidung und die Spaten.

– Und ihr… weshalb habt ihr nachts ein Grab geöffnet? – fragte sie, mehr neugierig als anklagend.

Die Männer blickten sich an, in ihren Augen dieselbe Schuld.

– Wir wollten Geld verdienen, Großmutter, – murmelte Boris mit gesenktem Kopf. – Deinen Schmuck… den brauchten wir. Wir… sind Grabräuber.

Auf ihrem Gesicht zeigte sich kein Entsetzen und kein Abscheu.

Nur kühle, berechnende Überlegung.

– Dann geht zurück, Jungs, und schaufelt das Grab wieder zu. Beseitigt die Spuren. Ich bezahle euch für diese Arbeit. Und für meine Rettung – extra.

Widerwillig kehrten sie zu dem schwarzen Loch zurück.

Nun war es noch schwerer zu graben – sie begruben ein Geheimnis, nicht nur Erde.

Als sie fertig waren, kamen sie zurück zur Hütte – durchnässt, voller Lehm, innerlich erschöpft.

– Wo wohnen Sie? – fragte Juri, bemüht, einen Plan zu fassen. – Sollen wir Sie nach Hause bringen?

Die Alte, die sich als Maria Olegowna vorstellte, schüttelte bitter den Kopf.

– Dort erwartet mich niemand. Mein junger Ehemann, zwanzig Jahre jünger, feiert sicher längst mit seiner Geliebten meine „Befreiung“.

Boris pfiff durch die Zähne.

– Verzeih, Großmutter, aber was hast du denn erwartet? – fragte er mit der direkten Art eines Ex-Häftlings.

– Er war ein Schmarotzer, und ich, alte Närrin, habe an die Liebe geglaubt, – ihre Stimme bebte, aber Tränen kamen nicht. Nur eiskalte Wut. – Er hat mir Gift in den Tee getan. Er dachte, ich überlebe nicht. Aber ich bin stark, habe immer Sport gemacht, mich richtig ernährt. Er wollte mich loswerden, um mein Geld und meine Firma an sich zu reißen. Und wisst ihr, Tod und tiefer Schlaf lassen sich leicht verwechseln, vor allem wenn man den Ärzten und dem Pathologen ein ordentliches Sümmchen bezahlt, damit sie alles schnell abwickeln!

Die Männer nahmen sie mit in ihre armselige Mietwohnung am Rande der Stadt.

Zwei kleine, nach Armut riechende Zimmer wurden für ein paar Tage das Versteck von drei Menschen, die nun durch ein düsteres Geheimnis verbunden waren.

Währenddessen herrschte im hellen Büro ihrer großen Firma eine düstere, aber feierliche Stimmung.

Zur Trauerfeier für Maria Olegowna waren alle Mitarbeiter erschienen.

Man respektierte sie.

Man fürchtete sie, aber man respektierte sie.

Sie war eine eiserne Frau, die aus einer kleinen Firma ein Imperium geschaffen hatte.

Ihr Ehemann Andrej – gepflegt, gutaussehend – hatte sich längst in die Rolle des Erben eingefunden.

Mit einer Maske gespielter Trauer hielt er Reden und erhielt mitfühlende Blicke.

Alle wussten: Jetzt würden Veränderungen kommen.

Andrej würde seine Speichellecker einsetzen und die treuen Mitarbeiter Marias entlassen.

Die Firma war dem Untergang geweiht.

Er sprach schon von seinen Plänen, als plötzlich die schwere Tür des Konferenzsaals aufschwang.

Und sie trat ein.

Eisige Stille legte sich über den Raum.

Die Menschen drehten sich um, Andrej blieb wie erstarrt mit offenem Mund stehen.

Sein Gesicht wurde aschfahl, das Mikrofon zitterte in seiner Hand.

Es war, als sei ein Gespenst erschienen – die Verkörperung seiner schlimmsten Albträume.

– Guten Abend, mein Lieber, – sagte Maria Olegowna mit einer Stimme so scharf wie Glas. – Warum siehst du nicht erfreut aus? Wir haben uns doch gerade erst verabschiedet…

– Mascha… ich… wir… – stammelte er und wich zurück.

– Ich bin zurückgekehrt, – sie ging langsam durch den Saal, und die Mitarbeiter wichen ihr ehrfürchtig aus. – Es gibt noch offene Angelegenheiten. Aber ich habe keine Zeit, mich mit all den Lügen zu beschäftigen. Das sollen Fachleute tun.

Da öffnete sich die Tür erneut, und Männer in Uniform traten ein.

Die Hausdurchsuchung bei Andrej hatte Beweise geliefert – Fläschchen mit Medikamenten und Dokumente seiner Absprachen mit bestochenen Ärzten.

Seine kläglichen Rechtfertigungen gingen im bedrückenden Schweigen des Saals unter.

Marias Ehemann und seine Schmeichler wurden noch am selben Tag entlassen, ohne Abfindung.

An ihre Stelle holte sie Juri und Boris – Männer, die durch Hölle und Schmutz gegangen waren, aber ehrlicher und standhafter als jene im teuren Anzug.

Der ehemalige Gatte wanderte für lange Zeit ins Gefängnis.

Maria Olegowna erwähnte ihn nie wieder.

Warum auch, wenn jemand nicht nur die Freiheit, sondern auch sein menschliches Gesicht verloren hatte?

Ihre Aufmerksamkeit galt nun der Firma, die sie retten musste, und den zwei unerwarteten Helfern, die in ihr nicht nur eine Chefin, sondern eine Mutterfigur gefunden hatten, die sie längst verloren hatten.

Sie begegneten sich am Rand eines Grabes und gaben einander eine Chance – eine Chance, wirklich zu überleben, menschlich zu leben.

Und diese Chance war wertvoller als jedes Gold.