Die Türen des Operationssaals öffneten sich mit einem leisen, feuchten Seufzer und entließen ihn in die sterilen Kühle des Flurs.
Lew Wyschinski trat hinaus, schwankend wie der letzte Betrunkene am Rande der Stadt.

Er lehnte sich an die kalte, raue Wand, spürte, wie seine Hände, in Müdigkeit verbundene Bandagen, verräterisch zitterten, und seine Beine, die nach zwölf Stunden unvorstellbarer Anspannung schwer wie Watte geworden waren.
Er fühlte kaum seine Hände oder Füße — nur ein dumpfes, hohles Dröhnen im Schädel, wo noch vor wenigen Minuten ein Sturm aus Konzentration, Adrenalin und kalter, gnadenloser Berechnung gewütet hatte.
Er zog ihn heraus. Zweimal.
Zweimal blieb das Herz des jungen Mannes, zerstört in der blutigen Fleischmühle eines Unfalls, stehen, und zweimal brachte Lew es wieder zum Schlagen, während er den heißen, glitschigen Klumpen Fleisch in seinen Händen hielt, auf die Monitore starrte und dem Skalpell und dem Schicksal zurief: „Nein!“
Er siegte.
Doch der Preis dieser Siege war völlige Erschöpfung.
Er wollte genau hier auf dem abgenutzten, antiseptikbefleckten Linoleum zusammenbrechen, sich zusammenrollen und in einen bodenlosen, schwarzen, traumlosen Schlaf sinken.
Er lehnte den Rücken an die raue, kühle Wand und schloss die Augenlider.
Darunter tanzten purpurne Flecken, Skalpellblitze und die gleichmäßige, verlockende Linie des Herzmonitors.
Es schien, als würde er diesen Ort niemals verlassen können.
Doch der innere Motor, jahrelang an Disziplin gewöhnt, begann nach wenigen Minuten erneut zu summen.
Er stieß sich von der Wand ab und schlurfte in Richtung Stationszimmer, wo ihn ein Glas bitteren, brennenden Kaffees erwartete — der einzige Freund in dieser Stunde.
Nach ein paar Stunden trat er durch die Tore des Krankenhausgeländes.
Zwei Tassen Kaffee hatten ihre Wirkung getan: die stechende Müdigkeit wich der vertrauten, allgegenwärtigen Erschöpfung, seiner ewigen Begleiterin.
Die Luft roch nicht mehr nach Chlor oder Medikamenten, sondern war erfüllt vom Duft der tagsüber aufgeheizten Blätter und eines fernen Regens, berauschend wie Nektar.
Direkt von den Toren aus führte eine kleine Allee wie eine grüne, geheimnisvolle Lebensader tief ins Viertel.
Lew war nie dort entlanggegangen — immer hatte er sich mit dem Auto hastig durch die Straßen gehetzt, ständig zu spät.
Doch heute klickte etwas in ihm.
Die Strahlen der untergehenden Sonne, niedrig und lang, brachen durch das dichte Laub und warfen ein lebendiges, zitterndes Muster aus Licht und Schatten auf den Asphalt.
Es sah aus wie ein riesiges Tarnmuster, wie goldenes Brokat, zu seinen Füßen geworfen.
Und plötzlich wollte er, wie ein Junge, über dieses Muster laufen und die Wärme des ausklingenden Tages auf seinem Gesicht spüren.
Denn schließlich erwartete ihn nur eine leere, schweigende Wohnung, in der selbst der Staub zu verharren schien, in Erwartung, dass niemand kommen würde.
Lew schritt langsam die Allee entlang, atmete tief ein und genoss, wie die Sommerwärme jede Zelle seines erschöpften Körpers erfüllte.
Die Pappelflocken hatten ihren Wirbelsturm beendet und Platz gemacht für den dichten, honigsüßen Duft der Linden.
Der Sommer hatte den Äquator überschritten, und irgendwo am Horizont lockte der Urlaub.
Und heute war er ein Sieger.
Er hatte dem Tod noch ein Leben entrissen, aus den Händen des Mannes im Kapuzenmantel.
Auf einer der Bänke saß ein Mädchen, getaucht in goldenes Licht.
Eine Silhouette in leichtem, flatterndem Kleid, über ein Buch gebeugt.
Die Sonnenstrahlen setzten ihre roten Strähnen in Brand, entfachten tausende kupferner Funken.
Sie fielen auf die Seiten und verdeckten ihr Gesicht mit einem feurigen Schleier.
Und plötzlich, bis in den physischen Schmerz hinein, wollte er sehen, was hinter diesem lebendigen Glanz verborgen war.
Er trat fast direkt neben sie.
Sie war so vertieft in ihr Buch, dass sie ihn nicht bemerkte.
Es schien, als hätte sich die ganze Welt für sie auf die Zeilen des Papiers reduziert.
„Interessantes Buch?“ — seine Stimme klang rau, ein wenig erkältet nach Stunden des Schweigens.
Das Mädchen hob den Kopf nicht, sondern las den Absatz zu Ende.
Dann schloss sie langsam, mit einer berührenden Vorsicht, das Buch und ließ ihren Finger auf der Seite.
Lew beugte sich vor, um den Titel kopfüber zu lesen.
„Mein lieber Mensch“, — las er laut vor.
Erst dann hob sie die Augen zu ihm.
Und Lew stieß innerlich einen Atemzug aus.
Ihr Gesicht, übersät mit goldenen Sommersprossen, als hätte jemand eine Handvoll kleiner Sonnen auf sie geworfen.
Große, tiefgründige Augen von der Farbe dunkler Schokolade, umrahmt von dichten Wimpern.
Füllige, leuchtende Lippen, leicht geöffnet vor Staunen.
Sie war nicht nur niedlich.
Sie verkörperte Frische, Jugend, das pure Leben, das er gerade unter den grellen Lampen des Operationssaals verteidigt hatte.
„Goldstück“, — ging es ihm durch den Kopf.
„Interessieren Sie sich für Medizin oder gefällt Ihnen der Autor?“ — fragte er, bemüht, die plötzliche Aufregung hinter einer Maske von Professionalität zu verbergen.
„Ich habe mich für Medizin beworben“, — antwortete sie.
Ihre Stimme war tief, leicht rau, unerwartet für ihre zierliche Erscheinung.
„Dann sind wir fast Kollegen.“
Lew konnte ein anerkennendes Lächeln nicht unterdrücken und setzte sich auf die Kante der Bank.
„Und Sie sind Arzt?“ — ihre schwarzen Augen funkelten vor echtem, lebendigem Interesse.
„Chirurg.“
„Sie?“ — sie zeigte ehrliche Überraschung und musterte ihn von Kopf bis Fuß.
Auf dem Weg erzählte sie hastig und wirr.
Sie lebt bei Tante Tonja, der Schwester ihrer Mutter.
Tante hat einen Hund — einen alten, gebrechlichen Spaniel namens Wermut.
Diesen Namen hatte ihr verstorbener Mann ihr gegeben.
Tante hat schmerzende Beine, und Gassi gehen mit Wermut ist Steschas Aufgabe.
Und Wermut ist alt und ungeduldig; wenn man ihn nicht rechtzeitig ausführt, gibt es ein Desaster, das sie aufräumen müsste.
„Ist deine Tante streng?“ — fragte Lew.
„Tante Tonja? Ach was! Sie ist ein Mensch von unglaublich gutem Herzen. Sie hat mich aufgenommen, obwohl sie selbst kranke Beine hat und ihr Blutdruck schwankt.“
„Und woher kommst du? Aus der Provinz?“
„Ich bin hier aufgewachsen. Als ich in der fünften Klasse war, ist meine Mutter gestorben. Ihr Bauch tat weh, sie hat alles hinausgezögert und ging nicht zum Arzt. Ich kam aus der Schule und fand sie bewusstlos auf dem Boden. Ich rief den Rettungsdienst. Ihr Blinddarm war geplatzt, es begann eine Bauchfellentzündung.“
Das Mädchen sprach ruhig, ohne zittrige Stimme, als würde sie einen längst auswendig gelernten, fremden Text vorlesen.
„Nach diesem Vorfall begann mein Vater zu trinken. Ein halbes Jahr später überfuhr ihn ein Bus tödlich. Ob es ein Unfall war oder nicht — weiß ich nicht. So lebe ich also bei meiner Tante.“
Stescha sprang aus dem Auto und rannte zum Hauseingang, während sie zurückblickte.
Lew winkte ihr, und im nächsten Moment verschwand sie in der dunklen Türöffnung.
Allein im Wagen fühlte sich Lew sofort nicht mehr wie ein Held.
Er war wieder nur Lew Wyschinski, ein müder, einsamer Chirurg, dem nur ein Stapel Krankenhausrechnungen und die Stille in einer Drei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand gehörten.
Es tat ihm weh, sie zu sehen.
Ein gutes Mädchen. Richtig. Stark. Noch so jung, und doch hat sie schon so viel Leid erlebt.
Er startete den Motor und fuhr los, dabei nahm er das Bild ihres sommersprossigen Gesichts und den frischen Duft, den sie im Auto hinterlassen hatte, mit.
Ein Monat verging.
Lew Gennadjewitsch Wyschinski, aus einem kurzen Urlaub zurückgekehrt, ging durch den Krankenhausflur und pfiff etwas Unzusammenhängendes vor sich hin.
Vor ihm wischte eine junge Pflegerin den Boden, ihre Bewegungen mit dem Wischmopp waren fließend und ausladend.
Aus der weißen Kappe fiel eine widerspenstige Strähne roter Haare auf die Wange.
Etwas stach Lew ins Herz, etwas Vertrautes, längst Vergessenes.
Patientin? Verwandte? Er verlangsamte seinen Schritt.
Das Mädchen richtete sich auf, um den Eimer wegzuschieben, und hob den Kopf.
Es war sie.
„Sie? Hallo!“ — in ihren tiefschwarzen Augen blitzten Freude und das bewundernde Funkeln, an das er sich so deutlich erinnerte.
Er erkannte sie, obwohl der Name ihm entfallen war.
„Hallo. Du wolltest doch eigentlich studieren, und nicht Böden wischen?“ — fragte er, überrascht, dass er sofort zum „Du“ übergegangen war.
„Oder ist jemand von der Familie hier?“ — er erinnerte sich an ihre Geschichte und schalt sich selbst für die Unhöflichkeit.
„Ich bin aufgenommen worden. Ich wollte vor Studienbeginn arbeiten“, — antwortete sie einfach, ohne sich zu schämen.
„Gut, das ist richtig. Medizin muss man von unten lernen. Vielleicht überdenkst du ja alles, wenn du das siehst. Wen willst du werden? Nicht etwa Chirurgin?“
„Mal sehen“, — zuckte sie mit den schmalen Schultern, und plötzlich erinnerte sich Lew an ihren Namen — Stescha.
„Schön, dich zu sehen“, — nickte er und ging weiter den Flur entlang, spürte ihren Blick auf seinem Rücken.
Sein Schritt wurde fester, ein wenig lockerer, selbstbewusst und bestimmt.
Seitdem ertappte er sich dabei, dass er beim Gehen durchs Krankenhaus unwillkürlich nach dem roten Kopf mit der weißen Mütze Ausschau hielt.
Fand er sie, blieb er immer stehen, um ein paar belanglose Worte zu wechseln.
Eines Tages sah er sie an der Tür der Stationszimmer.
Offensichtlich wartete sie auf ihn und wippte unruhig von einem Fuß auf den anderen.
„Heute ist mein letzter Arbeitstag. In drei Tagen die erste Vorlesung“, — sagte sie und errötete stark.
Dadurch wurden die Sommersprossen auf ihrer Nase und den Wangen dunkler und deutlicher, als hätte man Zimt darüber gestreut.
„Also hast du nicht umgedacht?“ — lächelte er.
„Dann feiern wir deinen letzten Arbeitstag. Gleichzeitig auch die Aufnahme. Einverstanden? Warte hier, geh nicht weg“, — schlug er vor.
Stescha nickte schweigend, lächelte und errötete noch mehr.
Zwei Stunden später stieg Lew in die Halle hinunter, und sie saß auf einem Stuhl am Aufzug.
Bei seinem Anblick sprang sie auf, ganz aufgeregt.
Sie gingen zusammen hinaus, und es war ihm egal, wer sie sah.
Sie war keine Pflegerin mehr. Sie war Studentin. Kollegin.
Sie aßen in einem kleinen Café, in dem es nach gebratenen Zwiebeln und Kräutern roch, und danach spazierten sie entlang der Uferpromenade.
Die Lichter der Stadt spiegelten sich im dunklen Wasser wie geschmolzenes Gold.
„Eilt es nicht? Und deine Tante?“ — fragte Lew.
„Tante ist zu einer Freundin nach Pskow gefahren. Und Wermut… Wermut ist vor einer Woche gestorben.
Er war sehr alt. Tante ist weggegangen, um hier nicht zu weinen. Sie meint immer noch, seinen Bellen zu hören“, — seufzte Stescha, und ihr Gesicht wurde für einen Moment traurig.
„Dann komm zu mir. Ehrlich, meine Beine tun weh. Hast du schon mal echten französischen Wein getrunken?
Nein? Dann müssen wir das dringend ändern“, — schlug er vor, voller Sorge, dass sie ablehnen könnte.
Stescha nickte schweigend.
„Entschuldige, ich habe keine Gäste erwartet, es ist etwas… kreativ unordentlich hier“, — warnte er und ließ sie in die Wohnung.
Sie roch nach nächtlicher Stadt, nach Orangenblütenparfüm und etwas Unbeschreiblich Frischem und Jungem.
„Setz dich, ich gehe in die Küche, wir werden etwas zaubern.“
Er holte aus dem Kühlschrank Reste vom Roastbeef eines teuren Restaurants, Gemüse für einen Salat und eine Flasche Roséwein mit elegantem Etikett.
„Und wo ist Ihre Frau? Auf Reisen?“ — ertönte ihre Stimme mit leichter, kaum merklicher Neckerei.
Lew, der gerade eine Tomate wusch, drehte sich um.
Sie stand im Türrahmen, stützte sich an der Zarge ab und schaute ihn mit ihren tiefen Augen an.
Meine Frau hat mich verlassen.
Sie war es leid, dass ich nie zu Hause war.
Sogar an den Wochenenden.
Sie rief nachts in der Klinik an, um zu prüfen, ob ich wegen der Dienste log.
Wir stritten uns ständig.
Am Anfang litt ich sehr.
Ich wollte nicht in die leere Wohnung zurückkehren, verbrachte Tage im Krankenhaus, schlief im Bereitschaftszimmer.
Dann… gewöhnte ich mich daran.
Rein rechtlich sind wir noch nicht geschieden.»
Er seufzte schwer.
«Hilfst du mir? In der Küche bin ich ein kompletter Versager.»
«Und das Fleisch?» — sie nickte zum Restaurantbehälter.
«Aus dem ‚Gavroche‘,» — gestand er ehrlich, obwohl er zuerst lügen wollte.
Sie deckten gemeinsam den Tisch, schnitten Salat, ihre Hände berührten sich immer wieder, und bei jeder Berührung durchzuckte Leo ein Schauer.
Sie lachten über seine Ungeschicklichkeit, und das Lachen überdeckte die Verlegenheit.
Dann tranken sie kühlen Wein mit herber Note und erzählten abwechselnd, um Pausen zu vermeiden, füllten den Raum mit Worten.
Ein plötzlicher Anruf zerschnitt die Idylle wie ein Messer.
Leo ging ins Wohnzimmer.
Er kam nach ein paar Minuten zurück, blass, mit steinernem Gesicht.
«Man ruft mich dringend.
Massenunfall.
Die ganze chirurgische Abteilung wurde alarmiert.»
Er sah sie an, in ihr erschrockenes Gesicht.
«Leg dich schlafen.
Bettwäsche liegt im Schrank im Flur.
Warte auf mich.
Einverstanden?»
Er wartete keine Antwort ab, zog schon die Jacke an.
Die Tür fiel laut ins Schloss.
Man brachte ihn in die Hölle.
Mehrere zertrümmerte Autos, Dutzende verstümmelte Körper.
Die ganze Nacht operierte er, mechanisch, nur auf Professionalität und Willenskraft gestützt, verbannte Gedanken an das, was ihn zu Hause erwartete.
An sie.
Am Morgen, als die größte Spannung vorbei war, schlich er sich aus der Klinik.
Zum ersten Mal seit Monaten eilte er nicht in eine leere Wohnung, sondern dorthin, wo jemand auf ihn wartete.
Er stellte sich schon vor, wie er leise die Tür öffnete, Stesha schlafend im Halbdunkel des Schlafzimmers fand, ihre roten Haare auf seinem Kissen sah, ihren warmen, schläfrigen Duft einatmete.
Wie er vorsichtig ihre Wange berührte…
Sein Herz zog sich zusammen vor süßer, fast schmerzhafter Erwartung des Glücks.
Er stürmte die Treppe hinauf, nahm zwei Stufen auf einmal, wollte nicht auf den Aufzug warten.
Behutsam steckte er den Schlüssel ins Schloss und trat ein.
Aus der Küche kamen vertraute Geräusche: fließendes Wasser, Klirren von Geschirr.
Er grinste: sie machte Frühstück.
Er zog die Schuhe aus, ging barfuß den Flur entlang und blieb in der Türöffnung stehen.
Vor ihm der vertraute rosa Bademantel mit Blumen, die blonden Haare lose zu einem Knoten gesteckt.
Sie drehte sich um, hielt die Pfanne in der Hand und lächelte ihn mit einem müden, alltäglichen Lächeln an.
«Hallo, — sagte Kira, als hätten sie sich erst gestern getrennt.
— Pfannkuchen.
Du bist sicher hungrig wie ein Wolf.
Was ist passiert?
Wieder ein Unfall?»
Leo war wie versteinert.
Sein Blick huschte durch die Küche auf der Suche nach Spuren einer anderen — eine zweite Tasse, eine Haarspange, irgendetwas.
«Wen suchst du?» — fragte sie mit gespielter Unschuld, und in ihren Augen tanzten spöttische Funken.
«Niemand, aber… Wie bist du hereingekommen?»
«Sie ist weg, — Kira stellte die Pfanne ab und sah ihn direkt an, ohne Lächeln.
— Keine Angst, ich habe keine Szenen gemacht.
Aber ich muss zugeben, dein Geschmack ist… eigen.
Ist sie nicht zu jung für dich, Leo?»
«Warum bist du gekommen?» — er rang darum, nicht loszuschreien, sie nicht hinauszuwerfen.
«Ich bin nach Hause zurückgekehrt.
Wir sind auf dem Papier immer noch Mann und Frau, hast du das vergessen?
Ich habe dich vermisst.
Ich habe verstanden, dass ich nicht ohne dich kann.
All die Zeit war ich allein, wirklich.
Und außerdem… ein Kind braucht einen Vater.
Lass uns neu anfangen.»
«Welches Kind?» — Leo spürte, wie eine Eiseskälte seine Wirbelsäule hinauf kroch.
«Wovon redest du?»
«Ich bin schwanger, Leo.
— Sie wandte den Blick nicht ab, verfolgte jede seiner Regungen.
— Fast im vierten Monat.»
«Du… meinst das ernst?
— Seine Stimme klang heiser, fremd.
— Wirklich schwanger?
Warum bist du nicht gleich gekommen?
Drei Monate warst du weg!»
Es war, als würde ein Felsbrocken auf seine Schultern gelegt, den er sein Leben lang tragen musste.
«Zuerst dachte ich — nur eine Verspätung.
Ich hatte Angst, es zu verschreien oder mich zu irren.
Dann fürchtete ich eine Fehlgeburt… Also kam ich, als die Gefahr vorbei war.
Freust du dich nicht?» — in ihrer Stimme lag eine flehende Note, die er hasste.
«Und die Übelkeit? — versuchte er, sie auf einer Lüge zu ertappen.
Vier Jahre hat es nicht geklappt.
— Du siehst nicht aus wie eine, die gelitten hat.»
«In den ersten Wochen war mir sehr schlecht, jetzt ist es vorbei.
— Sie sprach entschuldigend.
— Ich wollte es dir so gern sagen… Ich rief in der Klinik an, bevor ich losfuhr, und sie sagten, du hast keinen Dienst…»
«Nichts hat sich geändert, Kira.
Ich bin derselbe Chirurg.
Ich verschwinde immer noch in der Arbeit, komme nachts erschöpft zurück.
Heute Nacht habe ich Menschen aufgeschnitten.
In einer Woche hältst du es nicht mehr aus und fängst wieder Streit an, dass ich dein Leben zerstöre…»
«Und sie? — unterbrach Kira, ihre Stimme bebte.
— Dieses Mädchen?
Sie macht keine Szenen?
Oder hat sie einfach noch nicht verstanden, was es heißt, die Frau eines Chirurgen zu sein?
In ständiger Erwartung zu leben?
Die Zweite, Dritte, Letzte zu sein in seiner Liste nach Arbeit und fremden Menschen?»
Angst und Unsicherheit klangen in ihrer Stimme.
«Es ist sauber bei dir.
Hat sie geputzt?
Du kannst ja nicht mal Staub wischen», — fügte sie ruhiger hinzu.
«Ich hatte eine Höllennacht.
Ich lege mich hin», — sagte Leo und ging ins Schlafzimmer, ohne sie anzusehen.
In der Ecke, auf seiner Seite des Bettes, lag eine zerknüllte Decke.
Er griff automatisch danach, um sich zuzudecken, und erstarrte.
Aus dem Stoff stieg ein kaum wahrnehmbarer, aber unverkennbarer Duft auf.
Der gleiche — von Orangen und Nacht.
Der Duft von Stesha.
Er drückte die Decke an sein Gesicht, atmete tief ein und blieb wie versteinert, spürte, wie ihm kalte Schauer über den Rücken liefen und ein Kloß ungeweinter Tränen in der Kehle stecken blieb.
Er hatte dieses Kind gewollt.
Gewartet.
Gebetet.
Und nun brachte Kira ihm diese Nachricht.
Doch statt Freude fühlte er nur Schwere und Bitterkeit.
Es gab keine Wahl.
Alles war schon entschieden.
Das Kind würde kommen.
Er konnte es nicht im Stich lassen.
Er war Arzt, er wusste, dass Kira darüber nicht lügen würde — es war leicht zu überprüfen.
Und Stesha… Goldenes Mädchen.
Ein unerfüllter Traum.
Sie war tatsächlich zu jung für ihn.
Für sein Leben, seine Probleme, seine Vergangenheit.
Und doch… tat es weh, bis ins Herz.
Er sah sie noch einmal.
Während seiner Schicht brachte der Rettungswagen eine ältere Frau mit Hernie.
Die Operation war Routine.
Als er hinausging und die Kappe abnahm, rannte ein rothaariges Mädchen in Studentenschwester-Uniform zu ihm.
Sein Herz sprang auf, bereit, in einem Schrei aus Freude und Hoffnung herauszubrechen.
Dann stürzte es in die Leere, ließ nur Kälte und Schweigen zurück.
«Sie? — sagte Stesha.
Wieder ‚Sie‘.
— Wie geht es Tante Tonja?»
Ihr Gesicht war blass, die Sommersprossen fast verschwunden.
Nur die großen dunklen Augen brannten wie Kohlen, durchbohrten ihn, mischten Schmerz, Vorwurf und Frage.
«Alles gut.
Sie wird bald auf Station verlegt.
Du kannst sie besuchen.
Sag, dass ich es erlaubt habe.»
Langsam ging er den Flur entlang, spürte ihren Blick im Rücken — schwer, endgültig, trennte ihn für immer von jenem Sommerabend.
In einer Stunde musste er Kira zum Ultraschall bringen.
Heute würde er erfahren, ob es ein Sohn oder eine Tochter war.
Und das war das Einzige, was zählte.
Alles andere — nur ein Schatten von Orangenblüten, ein süßer, unmöglicher Traum.