Ein Witwer kam auf den Friedhof und sah, wie man in ein frisches Grab ein lebendiges Bündel warf. Das, was darin war, stellte sein Leben völlig auf den Kopf.

Artem stand am alten, schiefen Zaun seines Grundstücks und hielt mit schwieligen Händen den Stiel einer Schaufel.

Sein finsterer Blick war nicht auf seinen eigenen Hof gerichtet, den der stechende Aprilschnee zugedeckt hatte, sondern auf die massive, zwei Meter hohe Wand, die der neue Herr im Ort nebenan errichtet hatte.

Diesen Mann, der nur gelegentlich in seinem glänzenden Geländewagen auftauchte, nannte man im Dorf nichts anderes als „neuer Russe“.

Die Dorfmädchen bauten Luftschlösser über ihn und tuschelten auf den Bänken, und manche besonders Verwegene hatten sogar versucht, die uneinnehmbare Festung zu stürmen.

Die Geschichten darüber, wie der Reiche zudringliche Verehrerinnen abwies, waren längst zum Dorfklatsch geworden.

Durch das Pfeifen des Windes und das vereinzelte Klingen der Eiszapfen drangen Fetzen eines angespannten Gesprächs zu Artem.

Eine Frauenstimme, erstickt von Schluchzen, bat inständig um etwas.

Die Antwort des Nachbarn, Viktor, klang hart, spöttisch und endgültig, wie ein Peitschenhieb.

„Verschwinde endlich! Hör auf zu heulen! Du gehst mir auf die Nerven!“ — hallte es in der frostigen Luft nach.

Artem stieß die Schaufel heftig in die Schneewehe.

Den einen — Liebesdramen, den anderen — Schneeverwehungen schaufeln, damit der Weg zum Brunnen nicht verweht.

Nach etwa fünfzehn Minuten quietschte das Gartentor auf, und eine junge Frau rannte stolpernd und in ein dünnes Tuch gehüllt auf die Straße hinaus.

Artem beugte sich nach vorne, seinen Augen kaum trauend.

Es war Alissa, die beste Freundin seiner verstorbenen Frau.

Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie anzusprechen, doch seine Zunge klebte wie fest am Gaumen.

Seine Hand hob sich von selbst, um die Mütze zurechtzurücken, und durch seinen Kopf schoss es: „Ist das wirklich dieselbe Alisska?..“

Seit dem Tod von Lika, seinem Sonnenschein, seinem Schmerz und seinem zerbrochenen Universum, hatte Artem Alissa nicht mehr gesehen.

Sie war ein paar Mal nach der Beerdigung gekommen, ihr Gesicht war von Trauer und Vorwürfen gezeichnet gewesen, doch das war in jenen schwarzen Tagen, als er selbst lebendig unter den Trümmern seines Kummers begraben war und im ununterbrochenen Alkoholrausch versucht hatte, den Schmerz in billigem Fusel zu ertränken.

Diese Tage waren zu einem einzigen dumpfen Albtraum verschwommen.

Manchmal schien es ihm, als seien ihre Besuche, ihre Tränen und ihre Schreie nur Einbildungen, geboren aus Wodkadämpfen und unerträglichen Gewissensbissen.

Lika war im Kreiskrankenhaus gestorben.

Zusammen mit ihrer ungeborenen Tochter.

Artem erinnerte sich nur an die endlose Nacht, zerrissen vom Schrei seiner Seele, der einzig durch den bitteren Schnaps gedämpft wurde.

Ein Jahr später träumte er einen Traum, von dem er mit einem Herz aufwachte, das ihm aus der Brust springen wollte.

Lika stand vor ihm in genau dem Kleid, in dem er sie das erste Mal in dieses Haus gebracht hatte.

Sie sah ihn mit traurigen, bodenlosen Augen an und sagte leise:

„Wie schnell hast du mich vergessen, Artemka. Nicht einmal besuchen kommst du. Mir ist so kalt und einsam…“

Er wartete den Morgen nicht ab.

In völliger Dunkelheit, tastend, eilte er auf den Friedhof.

Die ersten Strahlen der Morgendämmerung trafen ihn kniend vor einem kümmerlichen, verwahrlosten Hügel, überwuchert von Unkraut, mit einem schiefen, selbstgemachten Kreuz.

Ein Kloß schnürte ihm die Kehle zu, Tränen liefen über seine Wangen und froren im Wind.

„Vergib mir, Likuscha… Verzeih mir… Ich werde es wiedergutmachen…“ — hauchte er, während er mit den Händen die stacheligen Halme des trockenen Grases herausriss.

Er verbrachte dort den ganzen Tag, ohne Kälte noch Müdigkeit zu spüren, während er jedes Hälmchen auszog und den Boden mit zitternden Händen ebnete.

Am nächsten Tag, unrasiert, mit brennenden Augen, trat er ins Büro des Gutsverwalters, Stepanitsch.

„Gib mir Geld, — seine Stimme klang heiser, aber unerschütterlich fest. — Ich werde schuften. Alles bis auf den letzten Kopeken zurückzahlen.

Mein Leben lang, wenn nötig. Ich will ein festes Gitter setzen und Lika ein Denkmal errichten.

Aus dem weißesten Marmor. Sie liebte Weiß.“

Stepanitsch sah ihn lange schweigend an.

Er kannte Artem als ausgezeichneten Mechanisator, aber auch als verlorenen, hoffnungslosen Trinker, den nichts vom Boden wegziehen konnte.

Doch nun stand ein anderer Mensch vor ihm.

In seinen Augen brannte jener innere Kern, den man schon immer in ihm erahnt hatte.

Der Direktor nickte wortlos, öffnete den Safe und zählte einen Stapel frischer Banknoten ab.

„Wenn du alles fertig hast — komm zur Arbeit. Einen Platz finden wir.“

Artem verbrachte fast eine Woche auf dem Friedhof.

Er stellte nicht nur die Umzäunung und das Denkmal auf.

Er sprach mit ihr, beichtete, erinnerte sich, und Stück für Stück holte er sich selbst ins Leben zurück.

Und mit jedem Tag lichtete sich der Nebel in seiner Seele und in seinem Kopf ein wenig mehr.

Seitdem waren zwei Jahre vergangen.

Artem hatte Alissa seit jenem Tag, als er mit dem Trinken aufgehört hatte, nicht mehr gesehen.

Und er hatte auch nicht nach ihr gesucht.

Er fürchtete — vielleicht hatte er ihr damals im Suff Dinge gesagt, für die es keine Vergebung gab.

Und außerdem war sie ein lebendiges Abbild von Lika, ihr nächstes Spiegelbild.

Sie zu sehen hieß, den Schmerz immer und immer wieder neu zu durchleben.

Er hörte, dass Alissa in die Stadt gegangen war, um ein besseres Leben zu suchen.

Die Schaufel in den Schnee gestoßen, schüttelte Artem wieder den Kopf.

Wie alt mochte Alissa jetzt sein?

Lika wäre fünfundzwanzig geworden… Also war Alissa sechsundzwanzig.

Jung, schön, voller Leben… Was konnte sie an diesem Viktor finden?

Ein Mann um die vierzig, hart und zynisch.

Viktor war noch am selben Abend fortgefahren, und Alissa war nicht mehr zu sehen gewesen — offenbar war sie wieder in die Stadt zurückgekehrt.

Der erste Mai war für Artem ein besonderer, schmerzlich heiliger Tag — Likas Geburtstag.

Für ihn war es stets ein lichter Gedenktag, trotz aller Ermahnungen der Alten, dass man Geburtstage von Verstorbenen nicht begehen solle.

„Artemka! Schon wieder auf den Friedhof?“ — die schrille Stimme der alten Sinaida, die wie aus dem Boden gewachsen schien, durchschnitt die morgendliche Stille.

Sie hatte das Talent, immer genau dann aufzutauchen, wenn man sie am wenigsten erwartete.

„Guten Tag, Babka Sina. Das Wetter ist gut, dachte, ich schaue, ob nicht alles wieder zugewachsen ist“, — begann er, den Versuch machend, das Gespräch auf neutrale Bahnen zu lenken.

„Red mir keinen Unsinn! Wie oft soll ich sagen — das ist nicht richtig! Sie an so einem Tag zu stören. Das ist, als würdest du einem Lebenden eine Totenfeier halten!“ — fauchte die Alte.

„Babka Sin, ist das da nicht der Opa Petka, der zum Laden schlurft?“ — versuchte Artem sie abzulenken.

Opa Petka, Sinas rechtmäßige Hälfte, war für seine unerschütterliche Freundschaft mit dem Schnaps berüchtigt, und die Alte verfolgte aufmerksam seine Wege.

Aber diesmal regte sie sich nicht.

„Nein, nicht er. Sitzt schon den dritten Tag im Plumpsklo, leidet am Bauch.

Und ihr Jungen, nur Flausen im Kopf. So auch Alisska, deine Likas Freundin, suchte sich einen Prinzen, und fand nur Leid und ein Kind unterm Herzen.

Nun läuft sie fremde Höfe ab, doch was nützt es?“ — Baba Sina fuchtelte mit der Hand, murmelte etwas und humpelte davon.

Artem seufzte schwer und ging weiter den Pfad zum Friedhof entlang.

Heute sollte es dort still und friedlich sein.

Über die niedrige Umzäunung tretend, ließ er seinen Blick über das gepflegte Grab gleiten — sauber, ordentlich, der weiße Marmor glänzte im Maissonnschein.

Er setzte sich auf die dort stehende Bank.

„Alles Gute zum Geburtstag, Litschok… Hier bin ich bei dir…“ — flüsterte er, und seine Kehle zog sich wieder schmerzhaft zusammen.

Es vergingen etwa zwanzig Minuten. Artiom saß da, in Erinnerungen versunken, in denen jedes Detail lebendig und klar war.

Plötzlich lief ihm ein Schauer über den Rücken, der ihn zusammenzucken ließ.

Der Instinkt des ehemaligen Jägers, über Jahre der Sehnsucht gedämpft, erwachte plötzlich wieder und schlug Alarm.

Er sah sich um – nichts.

Stille und Ruhe.

Und doch… Er schaute genauer hin und sah: zwischen den Gräbern schlich sich eine Person, sich niedrig haltend.

Vor wem sollte man sich hier verstecken? Heute gab es keine Beerdigungen oder Gedenkfeiern.

Außer ihm war hier keine Seele.

Artiom glitt lautlos von der Bank und duckte sich hinter den dichten Fliederbüschen.

Sein Herz begann schneller zu schlagen.

Er erkannte in dem Fremden den Nachbarn Viktor.

Was konnte dieser eingebildete Lebenskünstler hier inmitten von Stille und Erinnerung brauchen?

Artiom schlich wie ein Schatten hinter ihm her, nutzte jede Unebenheit des Geländes, jedes Grabmal als Deckung.

Er kannte hier jeden Hügel.

Nach einigen Minuten hielt Viktor an einem frisch ausgehobenen Grab am Rand des Friedhofs an.

Die Beerdigung hatte vor ein paar Tagen stattgefunden, ein alter Mann war beigesetzt worden.

Viktor sah sich nervös um, und Artiom beobachtete, wie er ein dunkles, formloses Bündel mit Kraft in die schwarze Grube warf.

Ein dumpfer, weicher Schlag ertönte.

Viktor schaufelte hastig etwas Erde vom Rand des Grabes darüber, warf sie darauf und ging dann schnell, fast rennend, davon.

„Unglaublich…“, dachte Artioms Gehirn fieberhaft. „Handelt er mit Drogen? Versteckt er Diebesgut? Aber wieso auf dem Friedhof?“

Nachdenken konnte er nicht weiter.

Aus der tiefen Grube ertönte ein Geräusch.

Leise, schwach, aber deutlich.

Nicht wie ein Knarren, nicht wie ein Rascheln.

Es war ein Stöhnen.

Ein kindliches, klagendes Schluchzen.

Eine eisige Hand packte Artioms Herz.

Ohne sich selbst zu besinnen, sprang er auf und lief zum Rand des Grabes.

Im Dunkeln, am Boden, bewegte sich das Bündel.

„Hat der Schurke etwa einen Welpen weggeworfen?“ – blitzte es durch seinen Kopf wie ein infernalischer Blitz.

Ohne zu zögern glitt er hinunter in die klebrige, kalte Feuchtigkeit.

Seine Hände griffen von selbst nach dem Knoten.

Als er das Bündel öffnete, erstarrte Artiom.

Die ganze Welt schrumpfte auf ein winziges, bläuliches Gesichtchen.

Aus dem Haufen blutiger Lumpen blickte ihn ein lebendiges, neugeborenes Baby an.

Der winzige Körper zuckte in schwachen Krämpfen, die Lippen bewegten sich lautlos.

Artioms Haare stellten sich vom urtümlichen, tierischen Schrecken auf.

Die nächsten Augenblicke löschten sich aus seinem Gedächtnis.

Er erinnerte sich nur daran, wie er aus der Grube sprang, wie seine Beine wankten, ihn über den vertrauten Pfad trugen, wie der keuchende Atem seinen Hals verbrannte.

Er stürmte durch das Tor von Baba Zina und riss die Tür auf, ohne zu klopfen.

„Baba Zina! Hilfe! Sofort! Ein Kind!“ – rief er, ohne ihr Gesicht zu sehen, und rannte zu sich nach Hause, die alte Frau völlig verwirrt zurücklassend.

Zuhause wickelte er mit ungehorsamen Händen den winzigen Körper in seine wärmste, wollene Decke, versuchte die erkaltete Haut zu wärmen.

Nach ein paar Minuten kam Baba Zina, außer Atem, in die Hütte.

„Na, Artiomka? Was für ein Kind?“

Schweigend schlug er eine Ecke der Decke zurück.

Auf seiner Brust, an das warme Flanellhemd gedrückt, schnaufte das Baby zufrieden.

„Man muss… man muss es wahrscheinlich füttern…“ – murmelte Artiom verwirrt.

Baba Zina stieß einen erschrockenen Laut aus, griff sich an die Brust und trat zurück.

„Oh, Herr König des Himmels! Bist du verrückt geworden! Wo hast du es her, Artiom! Das ist doch ein menschliches Kind! Lebendig!“

„Ich weiß, Baba Zina, ich weiß! Keine Panik! Wir müssen die Polizei rufen!“ – seufzte er erschöpft, unfähig, die Realität zu glauben.

Während Artiom stolpernd versuchte, das Unfassbare zu erklären, kochte Baba Zina erstaunlich flink dünnen Grießbrei, ließ ihn abkühlen und setzte sich vorsichtig auf den Stuhlrand, um das Baby mit einem Löffel zu füttern.

Doch plötzlich blieb ihre Hand in der Luft stehen.

Sie zuckte heftig zusammen, ihre Augen weiteten sich vor Staunen und Schrecken.

„Mein Gott… Das kann nicht sein… Wirklich?..“

Artiom erstarrte und sah sie an.

Er beugte sich zum Kind, dachte, dass etwas nicht stimmte, doch das Baby schnaufte ruhig, satt.

Baba Zina schaute nicht ihn an.

„Artiomka, setz dich. Ich muss dir etwas sagen. Vielleicht irre ich mich, alte Frau, oder vielleicht auch nicht… Ich spüre, dass hier etwas Düsteres vor sich geht.“

Artem setzte sich gehorsam auf den Hocker und spürte, wie ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterlief.

Er verstand, dass er jetzt etwas Wichtiges hören würde.

Etwas, das alles auf den Kopf stellen würde.

„Vor drei Tagen, nachts, konnte ich nicht schlafen“, begann sie und senkte ihre Stimme.

„Opa Petjka quälte sich wieder mit seinem Bauch.

Also ging ich hinaus, um frische Luft zu schnappen, die Sterne anzusehen.

Stockfinster war es, so gegen elf Uhr.

Und dann höre ich – Stimmen.

Und Weinen.

Ich gehe zum Gartentor, ganz leise…

Schaue hin, und da ist deine Aliska.

Und ihr Bauch… riesig, bewegt sich heftig.

Und sie steht da, weint, und vor ihr – dein Nachbar Viktor.

Sie fleht ihn um etwas an, und er zischt sie an, schaut sie an wie ein wildes Tier.

Und ich höre: ‚Das Kind… unser…‘ – sagte sie.

Und dann packt er sie und zerrt sie hinter sein Tor!

Ich erschrak, wollte schreien, aber plötzlich war alles still.

Und dann habe ich’s vergessen, alte Frau, sündige Seele…“

„Oma Sina… Was willst du damit sagen?“ – Artems Stimme wurde heiser und fremd.

„Ach, ich will gar nichts sagen! Ich bin kein Zeuge!

Ich habe nicht gesehen, was danach geschah!

Aber das, was ich sah – das sah ich.

Nun überleg selbst, was du damit machst.“

Oma Sina seufzte schwer und starrte Artem an.

Der erhob sich langsam.

In seinen Augen stand Stahl.

„Ich gehe zu ihm.

Ich sage ihm, dass ich alles weiß.

Soll er lieber selbst gestehen.

Und wo ist Alisa?“

„Dein Nachbar ist weg!

Kurz vor dem Mittag hat er seine Sachen ins Auto geschmissen und ist verschwunden, eine Staubwolke hinter sich lassend!“

Artem schleuderte wütend die Mütze auf den Boden.

„Na schön! Ich finde ihn, dreimal soll er verflucht sein!“

„Geh nur, aber sei vorsichtig!

Vielleicht trägt er sogar eine Waffe, wer weiß bei so einem“, rief ihm die Alte hinterher.

Artem ging vorsichtig am hohen Zaun von Viktors Grundstück entlang.

Im Haus war es still, das Auto war nicht da.

Doch irgendetwas, ein sechster Sinn, ließ ihn nicht gehen.

Er blieb stehen, lauschte.

Und durch das Rauschen des Windes in seinen Ohren meinte er ein leises, langgezogenes Stöhnen zu hören.

Sein Herz sackte ab.

Er packte eine alte, von jemandem vergessene Leiter und kletterte über den Zaun.

Das Geräusch kam aus der gemauerten Sauna im Hof.

Die Tür war von innen verschlossen.

Artem trat zurück und rammte sie mit der Schulter.

Das Riegel brach krachend auf.

Im Halbdunkel, auf dem nackten Betonboden, zwischen blutbefleckten Lumpen und Abfall, lag Alisa.

Sie war mit Seilen an das Bein einer alten Bank gefesselt.

Ihr Gesicht war kreidebleich, die Augen geschlossen, doch ihre Lippen bewegten sich stumm.

Die Luft war schwer, stickig, erfüllt von einem dichten, süßlich-metallischen Blutgeruch.

Als Artem vorsichtig über die Schwelle trat und sich ihr näherte, öffnete sie langsam die Augen.

Ihr Blick war trüb, benommen.

Doch als sie ihn erkannte, krächzte sie etwas kaum Hörbares, und Tränen liefen langsam aus ihren geschlossenen Augen.

Das Bewusstsein kehrte nur langsam zu Alisa zurück, durch einen dichten, schmerzhaften Nebel.

Sie spürte ihren Körper nicht, nur Leichtigkeit und eine seltsame Leere.

Dann schlug die Erinnerung wie ein Hammer zu: Schmerz, Schreie, Lampenlicht…

Das Kind!

Sie versuchte abrupt, sich aufzurichten, doch eine starke, aber sanfte Hand drückte sie behutsam zurück auf das Kissen.

„Ruhig, ruhig, Aliska.

Wohin willst du?

Bleib liegen“, – die vertraute Stimme klang wie Balsam.

Sie fokussierte ihren Blick.

Über ihr beugte sich Artems bärtiges, müdes, aber unendlich vertrautes Gesicht.

„Artem… Bist du es?

Wie?

Wo bin ich?

Wo ist mein Sohn?

Was ist mit ihm?“ – die Worte sprudelten wie Maschinengewehrsalven aus ihr heraus.

„Hab keine Angst.

Alles ist gut.

Der Kleine ist auf der Kinderstation.

Ein kräftiger, gesunder Junge.

Er isst, er schläft.

Er wartet auf dich.“

Artem runzelte die Stirn, sein Gesicht wurde hart.

„Alis… Die Polizei ist schon hier.

Sie warten darauf, dass du mit ihnen sprechen kannst.“

„Wo ist mein Sohn?“ – wieder, mit tierischer Angst, fragte sie und klammerte sich an seine Hand.

Artem wandte den Blick ab und sprach leise, aber deutlich:

„Viktor hat ihn weggeworfen.

Ins Grab.

Ein frisches.“

Alisas Augen weiteten sich vor Entsetzen, doch Tränen kamen keine.

Nur eine endlose, eisige Leere.

Dann flackerte in ihnen ein stählernes Feuer auf.

„Bring sie her. Ich werde alles erzählen. Alles.“

Und sie erzählte.

Die ganze Wahrheit.

Wie Viktor, schön und selbstbewusst, ihr einen Job angeboten hatte – im Haus auf seinem Landgut zu helfen.

Sie, gerade aus der Stadt zurückgekehrt, ohne etwas in der Hand, war begeistert.

Er versprach gutes Geld.

„Und dann… alles wie im Nebel…“ – ihre Stimme zitterte, doch sie zwang sich zu sprechen. – „Er war so aufmerksam, schenkte Geschenke, sprach schöne Worte.

Und als ich merkte, dass ich schwanger war… verwandelte er sich in ein Monster.

Er warf mich hinaus, nannte mich eine Schlampe.

Ich versuchte, zu ihm durchzudringen, kam zurück…

Beim dritten Mal kam ich schon kurz vor der Geburt.

Er zerrte mich in den Hof, schlug mich…

Ich fiel… und dann begann es…

Er nahm selbst die Geburt ab.

Dann fesselte er mich, nahm das Kind und ging.

Ich dachte, ich würde sterben…“

Es stellte sich heraus, dass Viktor nicht einfach ein „neureicher Russe“ war.

Er hatte eine hohe Position im Rathaus und bereitete sich auf die Wahlen zur Regionalduma vor.

Sein Ruf war tadellos.

Doch zum Glück erwies sich der amtierende Bürgermeister als ehrenhafter Mensch.

Nachdem er den erschütterten Artiom angehört hatte, verschwieg er nichts und deckte seinen Mitarbeiter nicht.

Er schlug nur kraftvoll mit der Faust auf den Tisch, als Artiom seine Geschichte beendet hatte: „Solche Menschen werden nicht in meiner Nähe sein! Niemals!“

Einige Tage später trat Alissa, noch schwach, aber schon auf den Beinen, auf die Veranda des Krankenhauses.

In ihren Armen hielt sie behutsam, wie einen größten Schatz, ihren in eine blaue Decke gewickelten Sohn.

„Alles gut“, dachte sie, während sie auf sein winziges Gesichtchen blickte. – „Irgendwie werde ich es schaffen. Ich werde überleben. Im Haus von Baba Zina ist Platz.“

Plötzlich legte eine warme, schwere Hand auf ihre Schulter.

„Na, warum quetschst du ihn so, dass er schon blau wird? Der Kleine kann kaum atmen! Gib ihn her, Onkel Artiom trägt ihn!“

Artiom nahm behutsam das Bündel von ihr und ging mit sicherem Schritt zu seinem alten, erfahrenen „Niva“.

„Und warum stehst du da wie angewurzelt? Wir müssen noch kurz zum Standesamt, auf dem Weg. Antrag stellen“, warf er ihr über die Schulter mit einem leicht verlegenen, aber entschlossenen Lächeln zu.

Alissa erstarrte, verstand nicht.

„Antrag? Welcher Antrag, Tyoma?“

Artiom blieb stehen, drehte sich um und sah sie ernsthaft, männlich ernst, an.

„Na, welcher schon? Damit wir dich und mich so schnell wie möglich verheiraten.

Oder wolltest du lieber als Mitbewohnerin bei mir geführt werden?“

Alissa war einfach wie versteinert.

Dann liefen ihr die Tränen über das Gesicht – aber es waren Tränen der Erleichterung, des Glücks und einer unglaublichen, unerwarteten Hoffnung.

Sie machte einen Schritt, dann noch einen, und rannte auf ihn zu, um ihn mit freier Hand zu umarmen.

„Artiom… Ich… Wir…“

„Leise, leise“, unterbrach er sie, doch in seinen Augen glänzte echte Zärtlichkeit. – „Wie wir leben werden, überlegen wir später.

Jetzt fahren wir nach Hause.

Dort… also bei mir… hat Baba Zina den Tisch für die ganze Welt gedeckt.

Wir werden unserem neuen Bürger die Füßchen waschen. Und ein neues Leben beginnen.“