Die Stille im Schlafzimmer war schwer, gespannt, als hätte die Luft vor einem Gewitter stillgestanden.
Der Raum war erfüllt vom Duft der teuren Parfums von Olesja und einer süßlich-schweren Note der Angst.

Sie stand mit dem Rücken zu ihrem Mann, konnte aber sein Spiegelbild im riesigen Spiegel des Schminktischs sehen.
Ihre gepflegten Finger mit makelloser Maniküre krallten sich mit wütender Nervosität in das Haar und kämmten es mit scharfen, fast aggressiven Bewegungen.
Jede Bewegung der Bürste glich einem schmerzhaften Peitschenschlag.
— Es ist mir völlig egal, wohin du dieses Wesen bringst, — ihre Stimme war leise, aber so kalt und klar, dass Vasili Schauer über den Rücken liefen.
— Deine Tochter wird nicht in unserem Haus zusammen mit unserem Sohn leben!
Darüber wird nicht diskutiert.
Willst du ins Kinderheim — dann gehst du ins Kinderheim.
Ja, ich stelle dich vor die Wahl: ich und unser Sohn Iljuscha oder deine Ninka aus erster Ehe.
Entscheide dich, Waska.
Und entscheide dich jetzt.
Sie drehte sich abrupt zu ihm um.
Ihr schönes Gesicht war nicht nur von Wut verzerrt, sondern von urängstlicher, animalischer Furcht.
Sie wollte das Mädchen nicht nur nicht ins Haus lassen — sie erschrak vor ihrer bloßen Anwesenheit.
Die Angst um sich selbst, um den kleinen Sohn, um die sorgfältig aufgebaute fragile Welt hielt Olesja wie gelähmt.
Vasili presste den Kopf in die Hände, die Finger gruben sich schmerzhaft ins Haar.
Die Welt brach direkt vor seinen Augen zusammen.
Der Boden verschwand unter seinen Füßen.
Wie konnte das sein?
Warum stellt das Leben ihn vor eine solche Entscheidung?
War er etwa ein schlechter Vater?
War er wirklich fähig, sein eigenes Kind in ein Heim zu schicken?
Bei lebendigem Vater!
Und es ging auch nicht um Mangel — sie lebten im Überfluss: geräumiges Haus, Auto, Spielzeug, Liebe.
Es fehlte alles, außer gegenseitigem Verständnis.
Und doch hatte Olesja in mancher Hinsicht recht — das Mädchen benahm sich tatsächlich wie ein wildes Tier.
Ein ungezähmtes, aggressives Wesen, ohne die Spuren des sonnigen, liebevollen Ninochka, das noch vor kurzem in diesem Haus herumgelaufen war.
Die Veränderungen begannen, als Nina in die erste Klasse kam.
Es war, als wäre ein Schalter in ihr umgelegt worden.
Schlägereien, zerbrochene fremde Dinge, zerrissene Hefte, eingeschlagene Fenster in der Schule…
Und das war nur die Spitze des Eisbergs.
Elternversammlungen beim Direktor wurden zur wöchentlichen Pflicht für ihre Mutter.
Die Schulpsychologen zuckten nur mit den Schultern, und Nina schien ihre Hilflosigkeit zu genießen.
Sie konnte problemlos treten, beißen oder beleidigen und Erwachsene vor Scham erröten lassen.
Ihre Härte machte Angst.
Ohne den geringsten Zweifel warf sie einen Stein auf einen Hund im Hof.
Sie konnte unbemerkt den kleinen Iljuscha schmerzhaft kneifen, wenn sie sicher war, dass niemand zusah.
Gegenüber Olesja sprach sie Worte, die ein Mädchen weder in der Schule noch im Fernsehen hätte hören dürfen.
Woher kamen sie?
Olesja fürchtete sich sogar, Nina über die Schwelle zu lassen.
Und der Gedanke, dass dieses Wesen mit ihnen leben und die Luft mit ihrem Sohn teilen würde, schreckte sie ab.
— Nina ist gerade bei einer Freundin ihrer Mutter.
Wir müssen bald entscheiden — Vormundschaft oder Kinderheim, — sagte Waska leise und blickte auf den Boden.
— Ich… ich werde zu ihr gehen.
Ich werde bei ihr bleiben.
— Hast du dich also schon entschieden? — Olesjas Stimme zitterte, große, makellose Tränen liefen über ihre Wangen.
Sie weinte so schön wie eine Schauspielerin in einem Melodram.
— Ist sie dir wichtiger?
Wichtiger als dein Sohn?
Wichtiger als ich?
Mein Gott… Lass Ninka wenigstens im Heim leben!
Vielleicht bekommen sie dort ihre Dummheit aus ihr heraus!
Vielleicht lernen sie sie dort wenigstens ein normales Leben!
— Ich habe noch nichts entschieden! — explodierte er und sprang auf.
— Ich werde nachdenken!
Genug, ich fahre jetzt.
Mit zitternden Händen warf er hastig seine Sachen in die Sporttasche und stürmte aus dem Haus.
Die Fahrt in die Nachbarstadt verging wie ein einziger qualvoller Augenblick.
Er wusste nicht, was er tun sollte.
Sein Herz zerriss.
Und doch glomm ein winziger Funken Hoffnung in ihm: Was, wenn?
Was, wenn Nina ihm selbst helfen würde?
Früher war sie doch anders.
Das freundlichste, mitfühlendste Mädchen der Welt.
Die Scheidung von der ersten Frau verlief erstaunlich ruhig.
Ohne laute Skandale, ohne Geschirr zu zerbrechen oder Eigentum zu teilen.
Sie trennten sich friedlich, erwachsen, in gegenseitigem Respekt.
Sie trafen sich oft, Waska holte seine Tochter fast jede Woche ab.
Nina lernte Olesja kennen, und zunächst schien alles recht gut zu laufen.
Sie freute sich sogar über die Nachricht vom zukünftigen Brüderchen.
Und dann… Dann schien Nina völlig den Verstand zu verlieren.
Sie verwandelte sich in ein kleines wildes Tier.
Olessja, schwanger und später junge Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Babys fürchtete, flehte nur: »Genug! Bring sie nicht mehr hierher!«.
Wassja traf sich mit seiner Tochter heimlich, auf neutralem Boden, aber immer seltener.
Dann kam die Tragödie — ihre Mutter starb bei einem Autounfall.
Und nun blieb sein Mädchen ganz allein zurück.
Für niemanden wichtig.
Der Anruf traf Olessja unvorbereitet.
Auf dem Display blinkte der Name »Wassja«.
Sie rechnete schon mit einer neuen Portion Vorwürfe, doch seine Stimme klang seltsam — gepresst und zugleich entschlossen.
— Olessja, hör mir zu. Ich schalte jetzt auf Lautsprecher. Nina möchte mit dir reden.
Er wartete nicht auf ihre Zustimmung.
In der Leitung rauschte es, und dann erklang eine leise, stockende, bis ins Herz bekannte und doch fremde Stimme.
— Guten Tag, Tante Olessja… — das Mädchen schwieg kurz und schluckte die Tränen hinunter. — Verzeih mir bitte. Für alles. Dafür, dass ich dich gekränkt habe… und den kleinen Iljuscha. Ich werde es nicht mehr tun. Ehrlich, wirklich. Bitte… schick mich nicht ins Heim. Ich werde mich sehr gut benehmen. Ganz bestimmt… bitte…
Nina brach in Schluchzen aus, und ihre Tränen entfernten sich nach und nach.
Wassja schaltete die Lautsprecherfunktion ab, und seine Stimme wurde wieder fest, fast befehlend.
— Ich bringe sie zurück. Nein, entschieden ist noch nichts. Endgültig jedenfalls nicht. Wir bleiben nur ein paar Tage. Sie hat sich wirklich verändert. Vielleicht hat der Tod der Mutter sie so getroffen… Und ich habe mir etwas Wichtiges überlegt. Darüber aber nicht am Telefon… Kurz gesagt, wir sind schon unterwegs. Du wirst sie sehen, nachdenken und entscheiden!
In den ersten Tagen war Nina still und unauffällig.
Kein Geschrei, keine Wutanfälle, keine misstrauischen Blicke.
Sie half im Haushalt, spielte ruhig mit ihrem Bruder, las Bücher.
Doch Olessja konnte sich nicht entspannen.
Jeder Nerv in ihrem Körper war gespannt wie eine Saite, solange das Mädchen in der Nähe war.
Sie erwartete einen Trick.
Sie wartete auf die Explosion.
— Ich glaube ihr nicht, Wassja… — flüsterte sie nachts im Bett, während sie sich hin und her wälzte. — Ich glaube ihr nicht. Sie täuscht uns! Sie spielt nur die Brave, damit sie hierbleiben darf. Und dann, wenn wir nachlassen, wird sie uns alles zeigen. Ein Biest bleibt ein Biest. Es ändert sich nicht.
— Warte, du weißt ja noch nicht, was ich mir ausgedacht habe! — Wassja setzte sich auf, seine Augen funkelten. — Wir haben doch etwas ganz vergessen! Die Wohnung! Diese Vierzimmerwohnung im Stadtzentrum, in der sie mit ihrer Mutter gelebt hat! Sie gehört jetzt ganz allein Nina! Verstehst du? Mein Plan: Wir beantragen die Vormundschaft, bekommen das Recht, ihr Eigentum zu verwalten, und vermieten die Wohnung. Sehr teuer! Und später, wenn Ninka älter ist, verkaufen wir sie. Davon kaufen wir beiden Kindern eine Wohnung — ihr und unserem Iljuscha. Damit sichern wir ihre Zukunft! Was meinst du?
Olessja erstarrte.
Daran hatte sie wirklich nicht gedacht.
Und doch hatte Wassja eine Goldgrube entdeckt.
Und das Mädchen benahm sich brav.
Vielleicht? Vielleicht war all das Wilde nur ein kurzer Anfall, der im Angesicht echten Schmerzes verschwunden war?
— Und wenn sie dann, wenn sie volljährig wird, nicht einverstanden ist? — fragte Olessja vorsichtig. — Angenommen, wir vermieten jetzt, stecken das Geld ins Haus. Und mit achtzehn besteht sie auf ihrem Recht? Und was dann? Dann stehen wir mit leeren Händen da? Jahrelang haben wir sie unterhalten — umsonst?
— Wir werden nicht mit leeren Händen dastehen! — widersprach Wassja überzeugt. — Sie wird sich an uns gewöhnen, an das Zuhause, an den Bruder. Wir behandeln sie gut. Und sie wird uns auch so behandeln. Olessja, das ist ein Vorteil! Lass ihn dir nicht entgehen! Sag Ja!
Die Frau zögerte nicht lange.
Die Berechnung wog schwerer als die Angst.
Sie nahm Nina auf.
Das Mädchen blieb bei ihnen wohnen.
Olessja blieb wachsam, erwartete Hinterlist, doch mit jedem Tag ließ die Unruhe nach.
Nina verwandelte sich in ein Vorzeigekind: freundlich, hilfsbereit, immer bereit zur Hand zu gehen.
Das Biest war verschwunden.
Es schien für immer.
Ihre Welt brach erneut zusammen, als Nina dreizehn wurde.
Wie auf ein Signal hin erwachte das wilde Tier.
Diesmal älter, stärker, raffinierter.
Das Mädchen schlich sich nachts davon, stahl Geld aus Geldbörsen, geriet in zwielichtige Gesellschaften und riskante Geschichten.
Wassja versuchte, gut mit ihr zu reden, flehte sie an, bat inständig.
Aber sie verschloss sich, begegnete ihm mit Spott und Schweigen.
Olessja stimmte wieder ihr altes Lied an:
— Hab ich dir nicht gesagt! Ich habe dich gewarnt! Die Ruhe hielt nicht lange! Was sollen wir jetzt tun? Sie ist gefährlich, Wassja! Nachts könnte sie uns noch… oh Gott, ich fürchte mich sogar vor dem Gedanken!
— Hör auf, Panik zu machen! — zum ersten Mal seit langem fuhr Wassja sie an. — Pubertät! Hormone! Das vergeht!
In diesem Moment flog die Tür zum Wohnzimmer auf.
Auf der Schwelle stand Nina.
Sie hatte alles mitangehört.
Auf ihrem Gesicht spielte ein hämisches, raubtierhaftes Grinsen.
Sie sah aus wie eine zufriedene Katze, die eine Maus gefangen hat.
— Ob es vergeht oder nicht — das ist egal, — ihre Stimme klang kalt und zynisch, gar nicht kindlich. — Also, ich verstehe richtig: Ihr habt mich nur wegen der Wohnung aufgenommen? — Ihr Blick bohrte sich in die errötete Olessja. — Ihr dachtet, ihr würdet sie später an euch reißen, ja? Verkaufen, das Geld einsacken. Ha! Schön wär’s. Aber nein. Sobald ich achtzehn bin, verkaufe ich sie selbst. Kaufe mir ein kleines Studio, und den Rest verprasse ich. Oder gehe auf Reisen. Ich habe jedes Recht. Die Wohnung gehört mir. Euch bleibt nichts. Gar nichts.
Mit Hass, in dem all die Schmerzen der Jahre brodelten, sah sie erst Olessja, dann den Vater an, drehte sich um und schlug die Tür krachend hinter sich zu.
Olessja brach in Tränen aus.
Ihre Tränen waren bitter — nicht vor Angst, sondern weil alle ihre Pläne zerfielen.
Fünf lange Jahre hatte sie dieses Mädchen ertragen, und jetzt war alles vergebens.
Das Biest war erwacht und bereit, hart zuzuschlagen.
— Hör auf zu weinen, — knurrte Wassja, sein Gesicht wurde hart wie Stein. — Wir werden das klären.
Schwerfällig stand er auf.
In seinen Augen lag nicht nur Wut, sondern ein seltsamer, gefasster Entschluss.
Nina kam im Morgengrauen zurück, nach Rauch und Nachtluft riechend.
Im Flur war es dunkel.
Sie knipste das Licht an und schrie erschrocken auf — der Vater saß dort, unbeweglich, mit einer Tasse kalten Tees in den Händen.
— Hast mich zu Tode erschreckt! — keuchte sie, als sie ihn erkannte. — Warum schläfst du nicht? Lauschst du mir auf?
— Tochter, das, was du heute gesagt hast… — begann er langsam, seine Stimme müde. — Meinst du das wirklich?… Willst du nicht etwas Tee trinken? Reden wir ruhig?
Nina schnaubte, aber die Tasse, die er ihr wortlos hinstreckte, kam ihr gelegen.
Sie griff sie und leerte sie in gierigen Schlucken.
— Danke. Schmeckt gut. Ich geh schlafen, — warf sie hin und schlurfte in ihr Zimmer.
Wassja rührte sich nicht.
Er starrte reglos zwanzig Minuten in eine Richtung.
Dann stand er auf und ging langsam hinterher.
Er wusste: Das Schlafmittel im Tee hatte bereits gewirkt.
Nina würde so bald nicht erwachen.
Er hatte Zeit.
Zeit, alles zu »korrigieren«.
Sie wachte auf, als das Auto des Vaters über einen holprigen Feldweg rumpelte.
Vor den Augen verschwamm alles, im Mund ein widerlicher Geschmack.
— Papa?.. — flüsterte sie schwach. — Warum bin ich hier?.. Wohin fahren wir?
— Wir fahren zu einer Bekannten, — antwortete er ruhig, ohne Regung. — Eine gute Frau.
Ich muss mit ihr reden. Und dich hab ich mitgenommen, damit du Olessja nicht die Nerven zerreißt. Schlaf weiter.
Kurz darauf hielt Wassjas »Niva« vor einem schlichten, vom Alter nachgedunkelten Holzhaus, das einst grün gestrichen war.
Weiße, kunstvoll geschnitzte Gesimse schmückten das Dach wie zarte Spitze.
Aus dem Schornstein stieg ein dünner Rauchfaden auf, der nach Holz und frisch gebackenem Brot duftete.
An den Fenstern hingen altmodische, handgestickte Vorhänge.
Während der Vater seiner fassungslosen Tochter half, aus dem Auto zu steigen, quietschte das Gartentor, und die Hausbesitzerin trat auf die Veranda.
Eine rosige alte Frau mit lebendigen, altersweise scharfen Augen.
Schweigend öffnete sie das Tor und lud die Gäste mit einer Geste ins Haus ein.
In ihrem Blick lag weder Überraschung noch Zweifel — nur ein stilles, allwissendes Erwarten.
— Großmutter Matrjona… — begann Wassja und nahm die Mütze ab.
— Ich erinnere mich an dich, Wassilij, — die Stimme der Alten war tief, leicht heiser vom Alter, aber sehr fest.
— Ich erinnere mich auch, warum du vor fünf Jahren zu mir gekommen bist.
Und erinnerst du dich, wovor ich dich damals gewarnt habe?
Wassja schaute schuldbewusst auf seine schläfrige Tochter und nickte.
FÜNF JAHRE ZUVOR
Wassja eilte zu seiner Tochter, sein Herz zerriss vor Schmerz.
Ja, sie war wie ein wildes Tier, aber dennoch sein Blut, sein Fleisch.
Wie konnte er sie zurücklassen?
Doch Olesja — eine Frau von harter, berechnender Natur.
Sie würde das Kind nicht akzeptieren.
Wie sehr wünschte er sich, dass Nina wieder dieses sonnige, liebevolle Mädchen wäre!
Dann würde sich alles von selbst regeln.
Olesja könnte man vielleicht überzeugen, wenn er ihr eine große Wohnung versprach.
Ihm selbst war die Wohnfläche gleichgültig, aber seine Frau hätte sich locken lassen.
Doch wie konnte man aus einem kleinen Wildfang ein normales Kind machen?
An einer Tankstelle wurde er zufällig Zeuge eines Gesprächs.
— Ich sage dir, die Alte kann alles wegflüstern! — versicherte einer begeistert.
— Mein Ältester war völlig durchgedreht, man wollte ihn schon in die Klinik geben.
Doch sie hat ihn beschworen, ihm einen Sud gegeben — und alles war wie ausgewechselt.
Ein Goldkind, als wäre alle Verrücktheit verschwunden!
— Entschuldigen Sie, — unterbrach Wassja. — Von welcher Alten sprechen Sie? Wo finde ich sie?
Er erkundigte sich genau und fuhr noch am selben Tag, die Tochter vergessend, zu der angegebenen Adresse.
Er fand das grüne Häuschen und vertraute Matrjona alles an.
— Ich kann ohne mein Kind nicht, — flehte er. — Ich muss sie sehen, prüfen.
Sonst wird sie wieder zum Tier.
Man muss die Ursache suchen, nicht nur die Symptome vertuschen!
— Ich kann sie jetzt nicht bringen, — beharrte Wassja. — Keine Zeit, und der Moment ist ungeeignet.
Entfernen Sie wenigstens die Anzeichen, und dann sehen wir weiter.
— Nun gut, wie du willst, — seufzte die Alte. — Aber ich warne dich: wenn eine fremde Kraft auf ihr lastet, sehe ich sie ohne sie nicht.
Ich kann es nur mit einem Zauber abdecken.
Doch es kann wieder ausbrechen, noch stärker!
Dann hast du keinen kleinen Wildfang mehr, sondern ein hungriges Raubtier.
Du beschwörst dir dein eigenes Unheil.
GEGENWART
Wassja beobachtete, wie Nina sich im Haus der Matrjona flegelhaft benahm.
Sie schmatzte laut, lümmelte sich auf den Stuhl und starrte die Alte herausfordernd an.
— Ich mache gar nichts! — sagte sie mit verschränkten Armen. — An euren Dorfzauber glaube ich nicht!
— Glaub nicht, — antwortete die Großmutter ruhig, die Augen zusammengekniffen. — Aber tun wirst du es.
Zum letzten Mal: geh zu dem Sack mit dem Getreide.
Schöpf eine volle Tasse, setz dich an den Tisch und fang an zu sortieren.
Die Alte schwieg, doch ihre Lippen bewegten sich stumm, als wiederholten sie uralte Worte.
Da geschah etwas Unerklärliches: Nina sprang auf wie eine Marionette.
Mit leerem Gesichtsausdruck nahm sie das Getreide und setzte sich an den Tisch.
— Die schlechten, schwarzen Körner legst du in mein Tuch, — befahl die Alte streng. — Die sauberen, goldenen schütte in den Topf. Daraus wirst du selbst den Brei kochen. Mit besonderem Wasser aus dem Brunnen.
Eine Stunde verging.
Im Haus roch es nach Rauch und frischem Brei.
Die zahm gewordene Nina aß still, ohne aufzusehen.
Die Großmutter flüsterte ihr leise etwas ins Ohr.
Als die Schüssel leer war, brach das Mädchen in Tränen aus.
Keine Kindertränen, sondern tiefe, reinigende Schluchzer aus der Tiefe ihrer verwundeten Seele.
Wassja stürzte zu seiner Tochter.
— Lass sie weinen, — hielt ihn die Alte zurück. — Tränen waschen die Schuld fort.
Wir gehen inzwischen hinaus und reden.
Draußen entfaltete Matrjona ein Tüchlein — darin lag eine Handvoll schwarzer, verdorbener Körner.
— Da, sieh dir das an, — flüsterte sie. — Von einer ganzen Tasse blieb kaum eine Portion gutes Getreide übrig.
Auf dein Mädchen hat man etwas Böses gelegt. Sie ist nicht von selbst so geworden.
Vor fünf Jahren habe ich es nur zugedeckt, aber die Verhexung war stark.
Jetzt aber hat Nina selbst das Dunkle von sich getrennt.
Und das Helle bewahrt.
Weißt du, warum sie weint?
Vor Schmerz und Scham.
Bald wird sie herauskommen und um Vergebung bitten.
— Wer war das? — fragte Wassilij entsetzt. — Wer hat mein Kind so verwandelt?
— Deine Frau, Olesja, — antwortete die Alte. — Sie fürchtete, dass du Nina mehr lieben würdest als euren gemeinsamen Sohn.
Dabei war Nina ein wunderbares Kind: gut, hell, voller innerem Licht.
Dieses Licht wollte Olesja ersticken.
— Das kann nicht sein! — entfuhr es Wassja. — Sie haben sich doch verstanden!
— Das Tierchen hat es mir erzählt, während Nina den Brei aß, — unterbrach ihn die Alte. — Es gestand leicht, es ist doch ein Hauswesen.
Olesja trägt die Schuld.
Doch was nun geschieht — das musst du selbst entscheiden.
Nina ist frei.
Vielleicht wird sie selbst dir den Weg weisen.
In diesem Moment knarrte die Tür.
Nina trat auf die Schwelle.
Ihr Gesicht war rein, ihre Augen leuchteten.
Zum ersten Mal seit Jahren sah Wassja in ihr nicht das Monster, sondern sein eigenes Kind.
— Papa… — flüsterte sie mit zitternder Stimme. — Vergib mir! Ich wusste nicht, was mit mir geschah… Es war, als wäre ich es gar nicht gewesen…
Olesja leugnete nichts und schwor keine ewige Liebe.
Sie hörte sich Wassilij an, weinte leise, bereute ohne Ausreden und begann, ihre Sachen zu packen.
Den Sohn Ilja nahm sie mit.
Doch Wassilij übte keine Rache und verbot keine Treffen — der Junge kam oft zu Besuch, und die Beziehung blieb menschlich.
Das Erstaunlichste aber war etwas anderes.
Nina, die einst von Olesja verraten worden war, begann, sie selbst zu besuchen.
Nicht mit Hass, sondern mit Mitleid.
Sie half dem Bruder bei den Aufgaben, brachte Ernte vom Land, ging mit ihm ins Kino.
Und sie saß einfach bei ihrer Mutter, tröstete sie schweigend mit ihrer Gegenwart.
Sie erwies sich als stärker.
Stärker als die Verhexung, stärker als Bosheit und Verrat.
Ihre Seele reinigte sich und begann zu leuchten, erhellte sogar jene, die versucht hatten, dieses Licht zu löschen.