— Schweig, brüllte der Mann und schleuderte den Koffer auf den Boden. — Ich verlasse dich und dieses Sumpfloch, das du Leben nennst …

— Sumpf? — Marina drehte sich langsam vom Herd um, auf dem die Kartoffeln für das Abendessen brieten.

— Dieser Sumpf hat zwanzig Jahre lang deine Mutter ernährt, während sie von Arzt zu Arzt fuhr.

Vergessen?

— Was hat meine Mutter damit zu tun?

Wage es nicht, sie anzufassen!

— Sehr wohl, Wiktor, denn während du in der Hauptstadt deine „großen Geschäfte“ gedreht hast, saß ich hier mit deiner gelähmten Mutter.

Ich habe ihr die Windeln gewechselt, falls du es vergessen hast.

Wiktor stand in der Tür ihrer Zweizimmer-Chruschtschowka, im neuen Anzug, mit dem Koffer zu seinen Füßen.

So attraktiv hatte Marina ihn schon lange nicht mehr gesehen — schlank, gebräunt, er roch nach teurem Parfüm.

Nicht so wie früher, wenn er von der Fabrik kam, ganz mit Maschinenöl bedeckt.

Sie erinnerte sich daran, wie sie sich kennengelernt hatten.

Tanzabende im Werksklub, er — ein junger Schlosser, sie — aus der Buchhaltung.

Er wirbelte sie zu „Eine Million scharlachrote Rosen“ herum und flüsterte ihr Albernheiten ins Ohr.

Dann eine bescheidene Hochzeit, etwa dreißig Gäste, Oliviersalat und „Sowjetischer Sekt“.

Die Schwiegermutter weinte damals vor Glück und umarmte Marina:

„Danke dir, mein Töchterchen, dass du meinen Witja gezähmt hast.“

Gezähmt.

Zweiundzwanzig Jahre hatten sie zusammengelebt.

Sie hatten ihre Tochter großgezogen — Lenka.

Jetzt studierte sie am Medizininstitut, lebte von Stipendium und den Nebenjobs der Mutter.

Wiktor hatte in den letzten drei Jahren kein Geld gegeben — alles investierte er in „Business“.

Was für ein Business das war, hatte Marina nie verstanden.

Mal wollte er eine Autowerkstatt eröffnen, mal sich mit Gütertransporten beschäftigen.

Alles ging schief.

— Du verstehst es einfach nicht, — sagte Wiktor nervös und zündete sich direkt im Flur eine Zigarette an.

— Sergej hat mir vorgeschlagen, nach Moskau zu ziehen.

Er hat dort ein Netzwerk von Autowaschanlagen und nimmt mich als Geschäftsführer.

Er mietet mir erst einmal eine Wohnung.

— Fährst du allein? — Marina wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme blieb ruhig.

— Nicht allein.

— Wiktor senkte den Blick.

— Mit Alena.

Sie … sie versteht mich.

Sie glaubt an mich.

Alena.

Marina wusste seit etwa drei Monaten von ihr.

Sie hatte die Nachrichten auf seinem Handy gesehen, als Wiktor unter der Dusche war.

„Kätzchen“, „Häschen“, „ich vermisse dich“.

Achtundzwanzig Jahre alt war dieses „Kätzchen“.

Managerin im Autohaus, wo Wiktor sich ein Auto ausgesucht hatte.

Auf Kredit übrigens — den Marina bis heute von ihrem Lehrerinnengehalt abbezahlt.

— Und was ist mit Lenka? — fragte Marina.

— Deine Tochter.

In einem Jahr verteidigt sie ihr Diplom.

— Sie wird erwachsen und es verstehen.

Ich kann so nicht mehr leben.

Ich bin fünfundvierzig, Marina.

Ich bin noch jung, ich kann noch alles ändern.

Marina trat ans Fenster.

Im Hof hing die Nachbarin Sinaida Wäsche auf.

Sie sah Marina im Fenster und winkte ihr zu.

Sinaida wusste alles.

Auch von Alena wusste sie, und davon, dass Wiktor in den letzten sechs Monaten nur noch zum Schlafen nach Hause kam.

Sie hatte Mitleid auf nachbarschaftliche Weise, brachte Piroggen vorbei:

„Halte durch, Marinka.“

— Erinnerst du dich, — sagte Marina leise, — wie Lenka mit fünf Jahren krank wurde?

Lungenentzündung, die Ärzte zuckten nur mit den Schultern.

Du warst damals ständig bei der Arbeit, um Geld für die Medikamente zu verdienen.

Und ich saß Tag und Nacht an ihrem Bett.

Damals hast du gesagt:

„Wir sind eine Familie, Marina.

Wir schaffen das alles.“

— Das ist lange her.

— Gerade einmal fünfzehn Jahre.

Oder als deine Mutter einen Schlaganfall hatte?

Wer ist mit ihr von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren?

Wer hat nachts nicht geschlafen und sie alle zwei Stunden gewendet, damit sie keine Druckstellen bekam?

Ich, Wiktor.

Und du hast Ausreden gesucht — Arbeit, Geschäfte.

Welche Geschäfte?

Damals bist du schon deinem Business hinterhergerannt.

Wiktor drückte die Zigarette auf der Fensterbank aus.

Marina verzog das Gesicht — eine neue Fensterbank, erst letzten Monat eingebaut.

Sie hatte selbst dafür gespart.

— Du erinnerst dich immer an alles, — warf er gereizt hin.

— An das ganze Negative.

Und das Gute?

Und dass ich dich ans Meer mitgenommen habe?

— Vor zehn Jahren.

Nach Anapa.

Für eine Woche.

— Dir ist nie etwas genug!

Marina drehte sich zu ihm um.

Tränen standen ihr in den Augen, aber sie ließ sie nicht heraus.

Das würde er nicht bekommen.

— Weißt du was, Wiktor?

Hau ab.

Geh zu deiner Alena.

Aber eines sage ich dir.

Deine Mutter habe ich bis zum Ende gepflegt.

Zwei Jahre lag sie bei uns, zwei Jahre habe ich sie mit dem Löffel gefüttert, gewaschen und ihr Medikamente gegeben.

Und wo warst du?

Auf Montage?

Auf welcher, Wiktor?

Du hast in den letzten fünf Jahren nirgendwo richtig gearbeitet.

Du hast nur davon geträumt, reich zu werden.

— Ich habe es versucht!

Ich habe mich für die Familie angestrengt!

— Für die Familie? — Marina lachte bitter.

— Lenka arbeitet im letzten Studienjahr nachts als Krankenschwester, damit sie Geld für Lehrbücher hat.

Weil Papa sich als Geschäftsmann versucht hat.

Ich habe zwei Stellen in der Schule angenommen und gebe zusätzlich Nachhilfe.

Für wen hast du dich angestrengt?

Wiktor schwieg und umklammerte den Griff des Koffers.

— Und weißt du, was das Lustigste ist? — fuhr Marina fort.

— Deine Mutter sagte mir vor ihrem Tod:

„Vergib ihm, mein Töchterchen.

Er ist schwach.

Er war es schon immer.

Danke, dass du es ausgehalten hast.“

Damals habe ich es nicht verstanden.

Jetzt verstehe ich es.

— Wage es nicht! — explodierte Wiktor.

— Wage es nicht zu sagen, dass ich schwach bin!

Ich ersticke hier!

In dieser Wohnung, in dieser Stadt, mit dir!

Du bringst mich mit deiner Korrektheit noch ins Grab!

— Mit meiner Korrektheit? — Marina lachte plötzlich.

Trocken.

Böse.

— Die letzten Jahre habe ich nur geschwiegen.

Geschwiegen, wenn du betrunken nach Hause kamst.

Geschwiegen, wenn Geld aus dem Versteck verschwand — für dein nächstes „Projekt“.

Geschwiegen, wenn du nach fremdem Parfüm gerochen hast.

Ich dachte — es geht vorbei, er kommt zur Vernunft.

Wir sind doch eine Familie.

Sie ging zum Schrank und holte eine Mappe heraus.

Wiktor spannte sich an.

— Was ist das?

— Die Scheidungspapiere.

Ich habe sie vor einem Monat vorbereitet.

Ich habe nur darauf gewartet, dass du dich entscheidest.

Oder ich.

Aber du warst der Erste — bravo.

Unterschreib.

Wiktor starrte fassungslos auf die Papiere.

— Du … du wusstest es?

— Ich bin nicht dumm, Wiktor.

Ich habe dir nur eine Chance gegeben.

Und mir selbst auch — vielleicht irre ich mich.

Ich habe mich nicht geirrt.

— Die Wohnung … — begann er.

— Die Wohnung gehört mir.

Sie war auf meine Mutter eingetragen und ist mir vererbt worden.

Du bist hier gemeldet, aber du hast keine Rechte daran.

Du kannst es vor Gericht versuchen, aber da gibt es ein Problem — in den letzten drei Jahren hast du offiziell nirgendwo gearbeitet.

Wirst du Unterhalt für Lenka zahlen?

— Sie ist volljährig …

— Vollzeitstudentin.

Bis zum Studienabschluss ist Unterhalt vorgesehen.

Artikel 85 des Familiengesetzbuches, nur damit du es weißt.

Wiktor griff nach dem Stift und unterschrieb schwungvoll.

Er schleuderte die Mappe auf die Kommode.

— Alles?

Bist du zufrieden?

Zweiundzwanzig Jahre umsonst?

Marina sah ihn aufmerksam an.

Graue Schläfen, Falten um die Augen.

Einmal ein geliebter Mensch.

Einmal ein naher Mensch.

Jetzt — ein Fremder.

Ganz fremd.

— Nicht umsonst, Wiktor.

Wir haben eine wunderbare Tochter.

Klug, gutherzig, fleißig.

Sie ist ganz nach mir, — sie lächelte traurig.

— Und danke für diese Jahre.

Es gab auch gute Momente.

Du bist nur irgendwann falsch abgebogen.

Oder vielleicht warst du immer so, und ich habe es nur nicht gesehen.

Wiktor hob den Koffer auf.

Er blieb einen Moment in der Tür stehen.

— Du wirst es noch bereuen.

Du wirst allein bleiben.

— Nein, das werde ich nicht.

Ich habe Lenka.

Meine Arbeit.

Meine Freundinnen.

Und weißt du was?

Ich melde mich endlich zum Tanzen an.

Ich wollte schon immer Tango lernen.

Du hast gelacht und gesagt, Kühen sei Tango nicht gegeben.

Wir werden sehen.

Wiktor schlug die Tür zu.

Marina stand einen Moment in der Stille, dann ging sie in die Küche.

Die Kartoffeln waren angebrannt.

Sie stellte die Pfanne ins Spülbecken und öffnete das Fenster zum Lüften.

Das Telefon klingelte.

Lenka.

— Mama, wie geht es dir?

Sinaida Petrowna hat angerufen, sie sagte, Papa ist mit dem Koffer gegangen.

— Es geht mir gut, mein Kind.

Isst du zu Abend?

— Mama … weinst du?

— Nein, — Marina weinte tatsächlich nicht.

— Ich schneide Zwiebeln.

Ich mache einen Salat.

— Ich komme jetzt.

Direkt nach der Schicht.

— Nicht nötig, Len.

Du hast morgen eine Prüfung.

— Mama, sei nicht albern.

Ich bin schon unterwegs.

Und Mama … ich liebe dich.

Du bist die Stärkste.

Marina legte auf.

Sie holte eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank — ein Geschenk zum Lehrertag, sie hatte sie für einen besonderen Anlass aufbewahrt.

Sie goss ein halbes Glas ein und hob es zum Fenster, wo die Abendsonne die Dächer vergoldete.

— Auf ein neues Leben, — sagte sie zu sich selbst.

Unten im Hof schlug eine Taxitür zu.

Wiktor lud den Koffer ein, und aus dem Wagen winkte ihm eine junge Blondine.

Alena.

Marina hatte sie ein paar Mal beim Autohaus gesehen — nichts Besonderes.

Einfach jung.

Sinaida rief von unten:

— Marinka!

Ich bringe dir einen Kuchen!

Mit Kohl, so wie du ihn magst!

Marina lächelte.

Zum ersten Mal seit Monaten lächelte sie ehrlich.

Auf dem Tisch lagen die Scheidungspapiere, daneben der Schlüsselbund, den Wiktor dagelassen hatte.

Sie nahm die Schlüssel und wog sie in der Hand.

Morgen wird sie die Schlösser wechseln lassen.

Und sich zum Tanzen anmelden.

Und vielleicht zum Friseur — sie wollte schon lange einen Bob.

Heute aber wird sie Wein mit Sinaida trinken, Kuchen essen und nicht darüber nachdenken, was vor ihr liegt.

Denn vor ihr liegt das Leben.

Ihr Leben.

Ohne Rückblick auf den, der sie verraten hat.

Das Telefon klingelte erneut.

Eine unbekannte Nummer.

— Marina Sergejewna?

Hier ist das Dekanat des Medizininstituts.

Ihre Tochter wurde für ein Stipendium mit Namensnennung vorgeschlagen.

Herzlichen Glückwunsch!

Lenula ist unser Stolz!

Marina weinte doch.

Aber es waren gute Tränen.

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